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Titel: Ankunft in Peking · von Heinz-Norbert Jocks · S. 34 - 36
Titel: Ankunft in Peking , 2008

Ankunft in Peking

Eine Dokumentation in zwei Teilen
Herausgeber und Gesprächspartner: Heinz-Norbert Jocks

Vor der Olympiade überschlugen sich sämtliche Medien mit Berichten und Informationen über China. Und immer wieder war der westliche Dauerblick gen Osten bis auf wenige Ausnahmen geprägt von der Angst vor der gelben Gefahr, die in Gestalt einer in den Weltmarkt einbrechenden Großmacht auftritt. Um die alte Angst zu aktualisieren, deren Herkunft eigentlich bis heute ungeklärt ist, richtete sich dieser Blick vor allem auf die bösen Machenschaften einer nun auch ins Geld verliebten, den Kontinent dabei wild plündernden Diktatur, die weder Presse- noch individuellen Freiheiten zulässt. Wenn es nun nach den Spielen um Peking geradezu schlagartig ruhiger geworden ist, so heißt dies in diesem speziellen Fall nicht, dass die westliche Wahrnehmung eine ganz andere, unvoreingenommene geworden ist.

Nun ist Peking nicht nur als Machtzentrale der Roten Volkrepublik in denVisier der Medien geraten, sondern zugleich auch als Metropole der chinesischen Gegenwartskunst, die mit dem Künstlerviertel „798“ eine Art Wahrzeichen bekommen hat. Es waren vor allem die Künstler, die im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens u.a. für mehr Freiheit in der Kunst demonstrierten, bis die Panzer anrückten und dabei viele Menschen getötet wurden.

Die beiden nun folgenden KUNSTFORUM-Bände sind die Ergebnisse einer die Voreiligkeit beim Urteilen vermeidenden Recherche in China. Der erste Teil „Ankunft in Peking“ berichtet von dem Reich der Mitte vor allem aus der Sicht der Von-Außen-Kommenden, die diesen Kontinent aufsuchten und sich dort überraschen ließen. Der zweite Band „Chinesische Künstlerleben“ versteht sich hingegen als eine Erkundigung dessen, wie sich das Leben eines Künstlers vollzieht und wie sich dies auf seine Arbeit auswirkt. Da werden vor allem die Künstler selbst zu Wort kommen.

Beide Bände versuchen, ein anderes, gar gegengängiges Überblicks-Bild von dem zu entwerfen, was in der chinesischen Hauptstadt wider westlicher Erwartung möglich ist. Zunächst spürt Heinz-Norbert Jocks, mehr Gerechtigkeit für China fordernd, in seinem Essay den Bildern nach, die sich der Westen vom Osten bis heute macht. Der ehemalige Bundeskanzler und heutige ZEIT-Mitherausgeber Helmut Schmidt, von der Alten Kultur ebenso wie von der heutigen ökonomischen Entwicklung beeindruckt, äußert sich schließlich in einem Gespräch dazu, warum er China immer wieder bereiste und was der Westen an diesem Land nicht versteht. Der Sinologe Lothar Ledderose zeigt dann, was die weltberühmte Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers mit moderner High-tech zu tun hat. Und der französische Philosoph Francois Jullien, dessen Denk-Umwege über China Furore machten, erläutert, warum das europäische Denken vom chinesischen profitieren und wie man dabei der alles gleichmachenden Globalisierungsgefahr entkommen kann.

Schließlich berichten der Schweizer Uli Sigg, ehemaliger Botschafter in Peking, der den Ausstellungsmacher Harald Szeemann nach Beijing einlud, und der Belgier Guy Ullens, der Ende letzten Jahres in Peking die Tore seines privaten Museums öffnete, von ihren Erfahrungen als Sammler und ihrer ungebrochenen Liebe zur chinesischen Avantgarde. Guan Yi, der in Peking geborene Sammler, liefert die Gründe dafür, warum China dringend eine eigene Kunstgeschichte benötigt. Mit der Aussage, dass er sich in Beijing freier als in New York fühle, überrascht der Texaner Robert Bernell, der sich als Verleger und Buchhändler als einer der Ersten für die chinesische Gegenwartskunst engagierte. Deren Besonderheiten und Andersartigkeit werden aus westlicher Sicht von Andreas Schmid, Martina Köppel-Yang und Birgit Hopfener dargelegt, die alle längere Zeit in China lebten und bei ihren Erkundigungen das ferne Land schätzen lernten. Die chinesische Sicht kommt in einem Gespräch mit dem Kritiker Li Xianting zu Wort, der als Vater der zeitgenössischen Kunst schon jetzt in die Geschichte eingegangen ist und diese immer noch mitprägt. Der FAZ-Korrespondent Mark Siemons charakterisiert in einem aufschlussreichen Gespräch Beijing als Transit-Stadt ohne Flaneursmeilen und befasst sich in seinem Essay mit der Beauty Economy.

von Heinz-Norbert Jocks

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