Titel: Ankunft in Peking · von Heinz-Norbert Jocks · S. 218
Titel: Ankunft in Peking , 2008

Mark Siemons

Das neue Antlitz Chinas

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Mark Siemons, Korrespondent der FAZ in Peking, studierte Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte. Nach einer Hospitanz bei der FAZ trat er 1987 in deren Feuilletonredaktion ein, wo er mit der Samstagbeilage „Bilder und Zeiten“ befasst war. Von 1996 bis 2005 schrieb er aus Berlin. Seitdem Kulturkorrespondent in Peking. Mit ihm traf sich Heinz-Norbert Jocks in dem Café zur Kunstbuchhandlung direkt gegenüber dem im „798“ Distrikt gelegenen Ullens Center.

H.-N.J.: Was weckte Ihre Neugierde auf China?

M.S.: Nicht das Exotische. Mehr die Menschen, die aufgrund ihrer ganz anderen Herkunft eine vollkommen andere Lebensgeschichte und so Unglaubliches wie die Kulturrevolution erlebt haben und mit denen man sich aber dennoch erstaunlich direkt verständigen kann, auch über Grundsätzliches. Wenn man sich darauf einlässt, sieht man die Welt und sich selbst plötzlich von einer anderen Warte her, auch wenn man diese Perspektive dann für sich nicht übernehmen muss. Ich habe das schon während des Studiums erlebt, als ich mich mit chinesischen Kommilitonen unterhalten habe. Vor ein paar Jahren stieß ich auf den französischen Sinologen und Philosophen Francois Jullien, der das zum Prinzip seiner Philosophie gemacht hat. Eigentlich Gräzist, suchte er nach einer Möglichkeit, die abendländische Tradition, in der wir stehen, von außen zu betrachten. Um das zu bewirken, ließ sich die abendländische Tradition zwar auch schon alles Mögliche einfallen. Aber das war stets von ihr selbst konstruiert. Das einzig reale Außen, das es für uns geben kann, sagt Jullien, ist China. Indien sei zu nah an der europäischen Tradition. Japan ist für ihn – darüber könnte man streiten – eine mehr abgeleitete, stark mit China verknüpfte Kultur, und die islamische Welt zu sehr mit dem Abendland verknüpft. Afrika verfüge hingegen über keine lange schriftliche Tradition. Das war für Jullien eine wesentliche Grundbedingung, um die eigene mit den Augen der fremden Kultur zu sehen. Frühe Hochkulturen, die abgebrochen sind, kamen deshalb nicht in Frage. Bis auf China ist alles wegegefallen. Nun durchforstet Jullien die chinesische Denktradition nach Ansatzpunkten oder „flachen Begriffen“, wie er das nennt, um uns, also den Westen von außen zu betrachten. So schrieb er beispielsweise ein kleines Büchlein über das „Fade“, worin er über die „Fadheit des Klangs“ ebenso reflektiert wie über die traditionelle „Landschaft der Fadheit“ im Unterschied zum dramatisch Akzentuierenden unserer Tradition. Statt mit großen ideologischen Begriffen zu operieren, nähert er sich den Phänomenen von der Seite, was sich als sehr fruchtbar erweist.

Das Verhältnis zwischen China und dem Westen scheint in letzter Zeit immer gespannter zu werden. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Ich glaube, was im Westen vor allem Sorgen macht, ist, dass da ein System der Alleinherrschaft wirtschaftlich immer erfolgreicher und mächtiger wird und dabei niemandem Rechenschaft ablegen muss. Die Furcht steht im Raum, dass andere Teile der Welt das als Modell empfinden und dass die Freiheitsgeschichte, die Europa so viel gekostet hat, wieder zurückgedreht werden könnte. Und tatsächlich ist die mangelnde Gewaltenteilung ja nicht einfach eine abstrakte politische Idee, sondern etwas, das gerade für die Schwächsten im Land ganz handfeste Auswirkungen hat, also zum Beispiel für Bauern, die einem lokalen Parteisekretär ausgeliefert sind. Auf der anderen Seite kommt es mir so vor, als würden die Reformprozesse, die es tatsächlich gibt, im Westen oft nicht genug zur Kenntnis genommen – wahrscheinlich, weil sie so langsam vor sich gehen, sehr im Kontrast zu der Vorstellung von Turbogeschwindigkeit, die man bei China normalerweise hat. Seit Jahren diskutieren auch Parteitheoretiker verschiedene Verrechtlichungs- und Demokratisierungsstrategien, und es wird auf verschiedenen Ebenen mit ihnen experimentiert. Natürlich immer unter der großen Bedingung der „Stabilität“, also dass alles unter der Kontrolle der Partei bleibt. Aber die Inkorporierung des Kapitalismus hat ein früher wesentliches Element der Kommunistischen Partei Chinas ja auch schon von Grund auf verändert. Ich meine also, dass man bei China nicht zu sehr von einem starren, geschlossenen „System“ ausgehen darf, das dem westlichen „System“ frontal gegenüber steht, sondern von einem sich aus sich heraus ständig verändernden Gebilde, das sehr viel Wert darauf legt, sich zwar beraten zu lassen, letztlich aber souverän und eigenständig über sich selbst zu bestimmen. Die große Frage ist, wie man damit umgehen kann, so dass die Veränderungen am Ende in einer für alle wünschenswerten Weise ausfallen.

Welche Erfahrungen machten Sie bei Ihrer Ankunft in Peking mit seiner städtischen Struktur? Erlebten Sie einen Kulturschock?

Nein, es war nicht so ein Schock, weil ich, schon bevor ich hier hingezogen bin, immer wieder für kurze Zeit nach China gereist war. Was natürlich gleich ins Auge springt, ist die vollkommen andere Erfahrung von Stadt. Ich habe vorher in Berlin gelebt, und obwohl sich zwischen Berlin und Peking vielleicht auch ein paar Ähnlichkeiten ausmachen lassen, fällt zuallererst der unglaubliche Kontrast auf. Nicht alle Straßen in Berlin sind schön, aber trotzdem laden sie zum Spazieren ein. Es ist wirklich eine Stadt für Flaneure. Man kann sich wie ein Franz Hessel treiben lassen und immer wieder neue Entdeckungen machen, das gilt vielleicht für die europäische Stadt überhaupt. Ein Platz wie in Italien, auf dem man sich trifft, für den man sich fein macht, posiert und wo man pausiert, sich zeigt, um gesehen zu werden, und mit anderen in Kontakt tritt, so etwas ist in einer chinesischen Stadt nun so gut wie nicht vorhanden. Hier in Peking gibt es allenfalls im Zentrum ein paar Straßen, durch die man in Ruhe spazieren kann. Diese Metropole, die in einem so atemberaubenden Tempo umgekrempelt wird, dass sogar Einheimische manchmal die Orientierung verlieren, ist in Schnell- und Ringstraßen organisiert, deren Funktion allein darin besteht, dass sich die Bewohner mit dem Auto oder mit dem Fahrrad so schnell wie möglich von einem zu einem anderen Punkt der Stadt bewegen. Man benutzt also den Stadtraum, abgesehen vom engeren Umkreis der eigenen Siedlung, vor allem als Transitraum. Frauen, die im Büro arbeiten, lassen nicht selten ihre gute Bürokleidung im Büro, damit sie nicht schmutzig wird, und sie ziehen sich wieder um, bevor sie auf die Straße gehen, wo es nicht darauf ankommt, adrett auszusehen. Man will sich dort weder zeigen noch mit anderen in Beziehung treten. Das schlägt sich auch in der Art der Architektur nieder. Sowohl die Bürohochhäuser als auch die Wohnkomplexe sind für sich stehende, selten zueinander in Bezug gesetzte Einheiten. In China gibt es bisher keine ausgeprägte Idee von Stadt im europäischen Sinn, auch wenn isolierte europäische Zitate durchaus beliebt sind. Es gab zum Beispiel vor kurzem die Mode, Siedlungen im „europäischen Stil“ zu errichten, indem man sie mit ein paar barocken oder Renaissance-Elementen verzierte. Umgekehrt verstieg sich der frühere Bürgermeister von Peking vor Jahren zu der Idee, den Hochhäusern ein chinesisches Dach aufzusetzen, um das Ganze zu sinisieren. Die alten Hofhaussiedlungen und Gassen der Innenstadt sind weitgehend abgerissen; statt dessen werden neuerdings Hofhäuser für Ausländer und wohlhabende Chinesen neu gebaut. Es gibt auch immer mehr interessante einzelne Gebäude. Aber es fehlt noch die Vorstellung, worin der Zusammenhang bestehen könnte.

Im westlichen Diskurs über Metropolen, wie er von Walter Benjamin eröffnet wurde, spielt der Begriff der Masse eine wichtige Rolle. Ist dieser auf chinesische Verhältnisse anwendbar?

Ich weiß gar nicht, ob es hier einen spezifischen Begriff von „Masse“ gibt. Im Westen benutzt man das Wort ja jedenfalls sehr gern bei der Beschreibung des chinesischen Menschen, gewissermaßen in Abgrenzung zum „westlichen Individuum“. In China selbst hat man da oft einen ganz anderen Eindruck. Wer mit Chinesen zusammenkommt, merkt, wie ausgeprägt deren Individualismus und Selbstbewusstsein sind. Manchmal vielleicht ausgeprägter als in Deutschland, wo der Komment des Mainstream oft sehr stark ist, um nur ja nicht anzuecken oder draußen zu bleiben. Mal abgesehen von sensiblen politischen Themen legen sich Chinesen dagegen normalerweise kaum Fesseln an, wenn sie ihre Meinungen und ihre Eigenarten zum Ausdruck bringen.

Da war ich bei meinen Recherchen vor Ort auch zunächst irritiert. Abgefüllt mit den Urteilen über China, hatte ich nicht damit gerechnet, dass es möglich ist, offen zu reden. Sogar über die Toten auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Hat eigentlich innerhalb der chinesischen Gesellschaft ein Prozess der Subjektivierung eingesetzt?

Da wäre ich zurückhaltend, das so zu formulieren. Auf der einen Seite gab es schon in der früheren chinesischen Geschichte mehr „Subjektivität“, als es das Stereotyp wahrhaben will. Der Sinologe Wolfgang Bauer hat ein wunderbares ganzes Buch mit dem Titel „Das Antlitz Chinas“ über chinesische Autobiographien geschrieben, das die üblichen Klischees sehr durcheinanderbringt. Auf der anderen Seite stimmt es sicher, dass sich die Menschen heute viel freier und individualistischer ausdrücken als etwa in den sechziger Jahren. Dabei ist allerdings mitunter das subjektive Freiheitsbewusstsein größer als der reale Spielraum. Viele Leute machen sich, wenn sie nicht gerade im öffentlichen Bereich arbeiten, gar nicht die genau umrissenen politischen Grenzen klar, innerhalb derer sie reden und leben. Das private Leben, das Familienleben und der Konsum können frei gestaltet werden, aber sobald in der Öffentlichkeit eines der von der Partei definierten Tabuthemen betroffen ist, greifen die Kontrollmechanismen des Staats nach wie vor, ob beim Herrschaftsmonopol der Partei oder bei Fragen der Religion oder der Souveränität der Nation.

In welcher Art Sprache drückt sich die politische Klasse selbst aus?

Die Funktionen der politischen Sprache sind zum Teil andere, als wir sie im Westen kennen. Mir ist das vor allem beim Parteikongress im letzten Jahr aufgefallen, als Hu Jintaos Formel vom „wissenschaftlichen Blick auf die Entwicklung“ offiziell in den Parteikanon aufgenommen wurde. Die Sprache dient nicht nur dem Austausch unterschiedlicher Meinungen, woraus sich dann ein Diskurs entwickelt, der zu Entscheidungen führt. Vielmehr ist sie eine unmittelbare Legitimationsquelle für politisches Handeln. Man kann etwas Neues nur verwirklichen, wenn es sich in der alten Sprache verankern lässt, also in dem Kanon, der neben Marx auch die ganzen Formeln der chinesischen Kommunisten von Mao bis Jiang Zemin enthält. Sonst hat es keine Chance. Es ist eine Legitimationsquelle und zugleich ein unmittelbarer Vollzug der Macht. Der Spielraum der Politik wird nun durch die kleinen Verschiebungen definiert, die die neuen sprachlichen Setzungen gegenüber den alten, auf denen sie aufbauen, markieren. Marxistische Orthodoxie spielte dabei immer schon eine eher untergeordnete Rolle, die chinesischen Kommunisten behandelten dieses Erbe immer ziemlich schöpferisch. Sie sehen darin vor allem einen Ausgangspunkt, um etwas Eigenes zu kreieren, wobei die einzelnen Wörter nominalistisch gehandhabt werden. „Marx“ wird zum Beispiel als Erkennungszeichen zwar immer noch oft beschworen, doch in den neuen Dokumenten wird kein einziger Gedanke von ihm zitiert.

Mir fällt auf, dass die Lebensläufe, mit denen ich bei Interviews in Berührung komme, auch deshalb komplexer sind, weil die Menschen sich vehementer an dem reiben, was politisch und gesellschaftlich geschieht. Sie sind auch dadurch viel stärker als bei uns geprägt, dass jemand als Sohn von Soldateneltern in einer Kaserne oder als Kind einer verarmten Adelsfamilie aufgewachsen ist.

Ja, das ist sicher richtig, dass die politischen und sozialen Bedingungen das einzelne Leben viel stärker bestimmen und auch markante Unterschiede in der Lebensart mit sich bringen. In der chinesischen Geschichte der letzten 150 Jahre, und in besonderer Verdichtung in den Jahrzehnten vor und nach der Kulturrevolution, gab es eine rasche Abfolge von Ereignissen, die die gesamte Bevölkerung geprägt haben: Vor der Kulturrevolution war die Hungersnot, davor der Grosse Sprung nach vorn und die Anti-Rechts-Kampagne, davor die Gründung der Volksrepublik und der Bürgerkrieg, der Krieg gegen Japan, all das waren ungeheure Einschnitte mit erheblichen Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Die große Veränderungsbeschleunigung jetzt seit zwei Jahrzehnten gehört auch dazu. Die Generationen unterscheiden sich daher mit ihren Lebenserfahrungen sehr, schon ein Abstand von zehn Jahren kann eine ganz verschiedene Lebensperspektive bedeuten. Und dann ist es weit entscheidender als im heutigen Europa, ob man in der Stadt oder auf dem Land aufwächst. Die vom Land kommenden Wanderarbeiter, die in den Metropolen auf dem Bau oder in anderen schlecht bezahlten Stellen arbeiten, leben zwar physisch in der gleichen Zone wie die Stadtbewohner, aber sie haben ein völlig anderes Leben. Bis jetzt haben sie noch nicht einmal irgendwelche Rechte.

Bei so viel Veränderungen muss man sich fragen, was eigentlich das kulturell Spezifische in China ist und was es in Zukunft sein wird. Geht es verloren?

Ja, das ist eine Frage, die sich jetzt auch viele Chinesen stellen, viele Künstler und Wissenschaftler, und auch die Regierung. Dass sich die Frage nicht so eindeutig beantworten lässt, liegt zum Teil an den vielen Brüchen der letzten 150 Jahre. Damit, dass China auf den Westen traf und sein natürliches über Jahrtausende hinweg erworbenes Selbstbewusstsein auf eine Grenze stieß und Boden unter den Füßen verlor, und damit, dass es schließlich darüber nachsann, wie es sich zur Moderne verhalten soll, begann der allmähliche Bruch mit der Tradition. Die Kulturrevolution war da nur der letzte Exzess eines langen Weges. Und auch die Marktwirtschaft und die Einkindpolitik tragen das ihre zu den Auflösungserscheinungen bei, etwa was den Zusammenhalt der Familie betrifft, die für die chinesische Tradition so wichtig ist. Und trotzdem bleibt da zweifellos etwas Eigenes. Wenn auch vieles, wenn man in eine chinesische Stadt mit ihren Hochhäusern und bunten Firmenlogos kommt, westlich erscheint, so ist der Inhalt doch ein ganz anderer. Ein in dem Zusammenhang gern angeführtes Schlagwort heißt Konfuzianismus. Wegen ihm seien die Chinesen, wie sie sind. Als alleinige Antwort ist das aber natürlich völlig unbefriedigend. Es handelt sich da ja weder um eine Ideologie noch um einen Glauben, an dem man sich so hält wie Muslime an den Islam oder Kommunisten an den Kommunismus. Konfuzius selbst haben die wenigsten Chinesen gelesen. Seit ein paar Jahren aber wächst das Interesse, ihn kennen zu lernen. So wurden Bücher über alte Autoren, auch Laotse und Zhuangzi, zu Bestsellern. Das zeigt das Bedürfnis nach einer Orientierung, die in der eigenen Kultur verwurzelt ist, zeigt aber auch den Nachholbedarf. Außerdem benutzt die Regierung Leitbegriffe wie „harmonische Gesellschaft“ und verweist darauf, dass das Wort „Harmonie“ auch bei konfuzianischen Autoren vorkommt. Doch das ist bloß eine propagandistisch genutzte Duftmarke. Eine eigene „chinesische Ideologie“ gibt auch die Regierung nicht aus. Es gibt Dinge, die unterhalb des Schriftlichen und unterhalb des Begrifflichen liegen. Damit kommt man vielleicht weiter. Beispielsweise der Umgang der Chinesen mit dem Körper. Was hier in den Parks auffällt, ist die Art, wie sich die Menschen bewegen. Deren Verhältnis zum Körper hat offenbar sämtliche Brüche überstanden. Das ist nicht bloß Fitnesstraining: Man singt auch, man macht Taichi-Übungen, man reibt den Rücken an Bäumen, man geht rückwärts, um die andere Gehirnhälfte zu aktivieren. Da geht es nicht nur um den Körper, sondern auch um den Geist, aber der Witz ist eigentlich, dass die chinesische Tradition diese Trennung von Körper und Geist oder Leib und Seele gar nicht kennt. „Das Leben nähren“, heißt statt dessen ein alter Ausdruck. Das ist auch bei denen präsent, die nie eine Zeile der alten Philosophen gelesen haben.

Wie steht es nun mit der Kultur im engeren Sinn? Was fällt bezogen auf den veränderten Umgang der chinesischen Regierung mit den Künsten auf?

Vor allem die gewaltige Entwicklung der sogenannten Kulturindustrie. Das ist die letzte Windung der Politik und Regierung gegenüber den Künsten, dass sie weit weniger als in den achtziger Jahren versucht, durch unmittelbare Zensur oder Eingriffe die Kultur zu lenken, sondern dadurch, dass sie gewissermaßen eine Kulturindustrie mit chinesischen Kennzeichen aufbaut. Das ist nicht nur ein ganz und gar positiv besetzter Begriff hier, sondern auch eine Art und Weise, Geld zu machen und gleichzeitig Dinge zu neutralisieren. Kunst verliert ihren Stachel oder ihr kritisches Potential dadurch, dass sie in dem System der Kulturindustrie aufgeht.

Wie funktioniert denn dann die Kontrolle, wenn die Kultur unter der Herrschaft der Industrie steht?

Wenn es tatsächlich gelingen sollte, dass Künstler, Schriftsteller und Theaterleute ihre Arbeit vor allem unter dem Aspekt der Produktfakturierung sehen, so bleibt der Zensur nicht mehr viel zu tun. Dieser Prozess ist ziemlich weit fortgeschritten.

Was heißt das zum Beispiel fürs Kino?

Beim Kino haben sich seit etwa 2003 die Umgangsformen der Staatsbehörde für Radio, Film und Fernsehen (SARFT), spürbar geändert, wie zum Beispiel Jia Zhangke, einer der interessantesten jüngeren Regisseure, sagt. Während den Regisseuren früher die amtlichen Entscheidungen, ob Zulassung, Verbot oder Änderung eines Films, einfach nur autoritativ mitgeteilt wurden, suchen die Beamten heute oft das Gespräch. Sie möchten Regisseure mit internationaler Reputation für sich gewinnen. Oft geht das dann mit einer großzügigeren Zulassungspraxis einher. Nachdem zum Beispiel die ersten drei Filme von Jia Zhangke verboten worden waren, durften die letzten beiden, „Die Welt“ ebenso wie „Still Life – Die guten Menschen vom Dreischluchtendamm“, in den Kinos gezeigt werden, ohne dass Jia Abstriche in der politischen und ästhetischen Radikalität gemacht hätte. Jia erzählte einmal, dass die Zensoren sich sogar auf ein Gespräch mit ihm über ihre Schnittwünsche einließen, und am Ende konnte er sie davon überzeugen, dass er an dem Film gar nichts ändern musste. Gleichzeitig wurde „Summer Palace“, der jüngste Film von Lou Ye., der eine Liebesgeschichte in der Zeit zwischen den Pekinger Studentendemonstrationen und dem Fall der Berliner Mauer erzählt, verboten, und mehr noch: Lou Ye wurde es untersagt, in den nächsten fünf Jahren einen weiteren Film in China zu drehen. Es fällt schwer, für dieses unterschiedliche Verhalten stabile, inhaltliche Kriterien anzunehmen; anscheinend richtet es sich eher nach persönlichen und anderen situativen Umständen.

Wie geht China nun damit um, dass es immer mächtiger wird?

Das ist eine interessante Frage, über die in China selbst allmählich immer mehr diskutiert wird. Was bedeutet es für das eigene Selbstverständnis, dass China wieder eine große Macht wird? Vor einiger Zeit wurde im staatlichen Fernsehen CCTV eine Dokumentarserie, die viel Aufsehen erregte, mit dem Titel „Aufstieg der großen Nationen“ ausgestrahlt. Ohne eine marxistisch-nationalistische Geschichtsbetrachtung heranzuziehen, wurde die historische Entwicklung von Deutschland, Amerika, Rußland, Frankreich und anderen Ländern betrachtet. Die erklärte Absicht war dabei, aus der Geschichte zu lernen, und hinter allem lauerte die Frage, was man tun muss, um Großmacht zu werden, und auch, was man vermeiden muss, um die Position nicht wieder zu gefährden. Anders als früher wollte man also nicht einfach „vom Westen lernen“, sondern wollte auch aus dessen Fehlern klug werden. Man nahm eine quasi wissenschaftliche Vogelperspektive ein, um sich selbst inmitten des „Aufstiegs und Falls der großen Mächte“ zu verstehen. Die Serie bezog sich ausdrücklich auf dieses Buch von Paul Kennedy. Das demonstriert ganz gut, mit welchem Grad an historischer Bewusstheit in China der eigene „Aufstieg“ beobachtet wird, während offiziell immer nur von „Entwicklung“ die Rede ist.

Und was finden Sie an dem Aufstieg Chinas am interessantesten?

Dass nun eine nicht-westliche Kultur zum ersten Mal seit dem Aufstieg des Westens aufgrund ihres enormen Erfolges in Konkurrenz mit dem Westen tritt. Das hat es vorher nicht gegeben. Mit der Ausnahme Japans, aber das geschah von vornherein unter dem Vorzeichen, dass dieses Land im westlichen Rahmen aufgestiegen ist. Über die Sorgen, die es wegen Chinas Aufstieg gibt, haben wir ja schon gesprochen. Aber ich finde, man könnte sich im Westen auch etwas darüber freuen, dass es nun so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Dass sich China aus eigener Kraft endlich aus dem Armuts- und Elendsbereich in weiten Teilen herausbewegt. Das sollte man schon nachvollziehen können, was das für so ein Land und die Menschen bedeutet und es nicht gleich als „Gier“ oder so etwas denunzieren.

Mir ist aufgefallen, dass Sie die chinesischen Phänomene und Ereignisse oft mit dem Instrumentarium westlicher Philosophen wie Adorno oder Luhmann analysieren. Lauert da nicht immer wieder die Gefahr, dass man die chinesischen Verhältnisse dann doch auf die Begriffe westlicher Denkweisen bringt und dadurch verkennt?

Die Gefahr der Verkennung ist natürlich immer da. Aber man kommt nicht daran vorbei, Begriffe und Muster aus dem eigenen Kulturraum zu verwenden. Oder anders gesagt: Wenn man es nicht tut und sich von vornherein allein auf die Begriffe der fremden Kultur stützt, ist die Gefahr, dass sich das Andere im Nebel seiner Andersartigkeit verliert und dass es für einen selbst und die, für die man schreibt, stumm und verschwommen bleibt. Ich finde, man sollte versuchen, mit den eigenen Begriffen so weit zu kommen wie es nur irgend geht, um dann die manchmal etwas anders gelagerte Ebene der chinesischen Kategorien möglichst genau fassen zu können. Am besten wäre, wenn sich die eigenen und die fremden Begriffe gegenseitig erhellen würden, in ihrer jeweiligen Begrenztheit.

von Heinz-Norbert Jocks

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