Ausstellungen: Berlin · von Peter Funken · S. 285
Ausstellungen: Berlin , 2008

Peter Funken

Surreale Welten

Ein neues Museum in Berlin – die Sammlung Scharf-Gerstenberg

Wie keine andere Bewegung hat der Surrealismus die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts beeinflusst und dafür gesorgt, dass innerhalb ihrer Entwicklung jeglicher Individualismus, fast jede Form der Autonomie, der Tabubeseitigung und Grenzüberschreitung möglich wurde. André Breton, der „Papst“ der Bewegung, formulierte 1930 in seinem 2. Manifest, dass der Surrealismus „nichts so erstrebte, als in intellektueller und moralischer Hinsicht eine Bewusstseinskrise allgemeinster und schwerwiegenster Art auszulösen; und dass lediglich die Erreichung oder Nicht-Erreichung dieses Zieles über seinen geschichtlichen Erfolg oder Misserfolg zu entscheiden hat.“ Breton und seine Mitstreiter kämpften gegen die Faktizität alter Antinomien, und in der Fortschreibung radikaler Romantik äußert er: „Alles lässt uns glauben, dass es einen bestimmten geistigen Standort gibt, von dem aus Leben und Tod, Reales und Imaginäres, Vergangenes und Zukünftiges, Mitteilbares und Nicht-mitteilbares, Oben und unten nicht mehr als widersprüchlich empfunden werden. Indessen wird man in den Bemühungen des Surrealismus vergeblich einen anderen Beweggrund suchen als die Hoffnung, eben diesen Standort zu bestimmen.“ Als Breton mit Paul Eluard das 2. Manifest schrieb, befand sich der 34-jährige Poet in einer tiefen Krise, ausgelöst durch gescheiterte Liebesbeziehungen und aufgrund der massiven Angriffe durch ehemalige Mitstreiter wie Bataille, Desnos und Queneau, die seinen „Säuberungsaktionen“ vom Jahr 1929 zum Opfer gefallen waren. Für sie war er nur noch „un cadavre“. Dennoch waren die „Säuberungen“, die fast zeitgleich mit denen im Sowjet-Staat abliefen, eine Art von Purgatorium, die das surrealistische Schiff zwar zerteilten, aber seine Einzelteile flott machten und in die Zukunft trugen – eine Zukunft, die bis in unsere Tage andauert, ohne dass sich Bretons Träume von einer radikal veränderten Bewusstseinslage bewahrheitet hätten. Immerhin ist das surrealistische Projekt ein geistiges Plateau für eine aufgeklärte, intellektuelle Szene geworden, gleichfalls zum wichtigen know how für Fantasy-Produktionen und jegliche Werbung – Surrealismen findet sich überall im Alltagsdesign. Bei aller Kritik, die man haben kann, schuf der Surrealismus Dimensionen für geistige Experimente und bildete Perspektiven für individuelle Behauptungen. Längst hängt die surrealistische Kunst in den Museen der Welt. Sie ist in Art einer Verkürzung auf das Retinale zu einer der vielen Nebelmaschinen der so genannten Freiheit geworden – aber es ist eine schöne Nebelmaschine! Eine solche kann man von nun an in Berlin bewundern, sie ist unweit vom Schloss Charlottenburg und der Sammlung Berggruen (Matisse, Picasso, Klee, Giacometti) im östlichen Stülerbau und dem angrenzenden Marstall entstanden, wo sich bis 2005 das Ägyptische Museum West-Berlins befand. Das neue Museum verdankt sich der „Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg“ und zeigt in dem vom Architekturbüro Sunder-Plassmann gekonnt umgebauten Haus, das nun ein großzügiges Entree plus Café besitzt, eine bemerkenswerte Sammlung, die dort in den kommenden 10 Jahren zu sehen sein wird – wahrscheinlich bedeutend länger. Die unter dem Titel „Surreale Welten“ ausgestellten Werke stehen unter der Obhut der Staatlichen Museen zu Berlin und werden von Kurator Dieter Scholz betreut. Es handelt sich – dies macht die Sache einmalig komplex – nicht ausschließlich um Arbeiten von Surrealisten: „Surreale Welten“ zeigt in der Konsequenz des Sammlungsgedankens auch Kunst von Vorläufern und Nachfolgern der surrealistischen Bewegung. Insbesondere die in Berlin so noch nie zu sehenden Franzosen Odilon Redon, Gustave Moreau, Victor Hugo aber vor allem Piranesis 16-teilige Folge der „Carceri D`Innvenzione“(Kerkerbilder), ein großes Konvolut von Goya-Graphik oder Max Klingers fantastischer Zyklus „Phantasien über einen gefundenen Handschuh“ zeigen Vorläufer seit dem 18ten und 19. Jahrhundert. Die älteren Bestände der Ausstellung gehen auf die Sammlung von Otto Gerstenberg (1848 – 1935) zurück, dem Großvater Dieter Scharfs (1926 – 2001) – letzterer teilte dessen Leidenschaft fürs Fantastische. Ein großer Sammlungsaspekt ist Hans Bellmer gewidmet, dem einzigen Berliner Surrealisten. Er wird in einem Saal mit zahlreichen Zeichnungen, Fotos, Objekten und Büchern vorgestellt, die seine manisch-erotische Vorliebe im „Spiel mit der Puppe“ belegen. Hier ist etwas Außergewöhnliches gelungen. Auch von Paul Klee besitzt das Sammlermuseum eine große Anzahl von Bildern und Blättern. Diese und viele weitere Arbeiten befinden sich in den Etagen des Stülerbaus. Im dahinter gelegenen, ebenerdigen Marstall begegnet man weiteren Surrealisten, die mit zahlreichen kleinformatigen Arbeiten und mit bedeutenden Bildern – von Max Ernst, Dali, André Masson, Yves Tanguy und René Magritte – vertreten sind. Eine ganze Abteilung zeigt Jean Dubuffets „art brut“. Es gibt Collagen von Eluard, Miro und Schwitters, Frottagen von Max Ernst, Zeichnungen von Picabia, Picasso, Dali, Oelze, Carrà und de Chirico, eine wunderbare Fumage von Wolfgang Paalen, Décalcomanie von Dominguez und Fotografie von Man Ray. Die imposante Ausstellung benennt das Bildnerische des Surrealen an mehr als 250 Beispielen in all seinen Verästelungen bis in die 1980er Jahre – so etwa im Werk von Mark Tobey, André Thomkins, Gerhard Altenbourg oder Horst Janssen; zudem gibt es Objekte und Skulpturen von Antoni Tàpies, Michel Nedjar, Rolf Szymanski, Lipschitz und Henri Laurens. Das Kino wird von monumentalen, ägyptischen Säulen beschützt, die in einigen Jahren leider ins Pergamonmuseum versetzt werden. Dort laufen surreale Filme von Hans Richter und Bunuel, wie auch von den Gegenwartskünstlern Chris Larsen und Rosemarie Trockel. In Zukunft, so Kurator Dieter Scholz, soll das Filmprogramm wechseln und im Haus werden thematische Ausstellungen stattfinden, auch solche mit Bezug zur Kunst der Gegenwart. Das neue Sammlermuseum macht den Bezirk Charlottenburg zu einem weiteren hotspot der Berliner Museumslandschaft. Bretons „surrealistische Revolte“ – also „Antimoral“, „Psychoanalyse der Wirklichkeit“, radikales Aufbegehren gegen Kirche, Militär, die Absolutheit des Geldes, Heuchelei und jegliches Tabu wird in unserer „Gesellschaft des Spektakels“ kaum mehr im Museum stattfinden – sollte es aber stattfinden, dann auch im Museum …