Ausstellungen: Heidelberg · S. 354
Ausstellungen: Heidelberg , 1984

Annegret Soltau

Heidelberger Kunstverein

Den 20 winzigen und riesigen Foto-Tableaux, die sich mit ihren beiden Schwangerschaften befassen und zwischen 1978-84 entstanden, gab sie den Titel „Lebenszeichen“. Leicht ließe sich angesichts der Wende dahinter ein neuer Hang zum Mutter-Mythos und zur persönlichen Idylle vermuten. Dagegen sind Arbeiten wie „Gleichgewicht“, „Sichentfernen“, „Einheit und Trennung“, die sich nur durch behutsames Entziffern erschließen, ganz im Gegenteil Fotogramme schwieriger Erfahrung. Schwangerschaft und Mutter-Kind-Beziehung sind für Annegret Soltau Erlebnisse, an die sie soziale Angst nicht gehindert hat. Die wohl größte Furcht – als Künstlerin mit zwei Kindern kaum noch „zu sich selbst“ zu kommen – keine Zeit und Muße mehr für die Kunst zu haben – ist wohl allen Künstlerinnen im 20. Jahrhundert eigen. Diese Ängste macht Annegret Soltau in kleinen Schritten bewußt, lebt sie aus, stellt sie uns dar: mit Drastik und Radikalität. Denn ihr Thema ist bis heute als künstlerisches tabuisiert. Es ist angenehm, es endlich frei von Soziologie und Tabu zu sehen und auch als Bild erleben zu können. Die schönsten dieser fotografischen Werke werden in Etappen angeordnet, quasi schrittweise und mit Geduld. Man sieht den Körper der Schwangeren, jeden Monat neu fotografiert, neun Mal, wie er immer mehr anwächst. Man sieht ihn auch immer mehr als Detail. Und zu den Seiten hin gruppiert sie Fotos, deren Negative in der Dunkelkammer zerkratzt worden sind. Damit wächst die Schilderung über die mögliche Subjektivität der Erfahrung hinaus. Denn eine besondere künstlerische Qualität kommt dazu. Der Bildträger wird zerstört – und damit auch die direkte, naturalistische Erzählung. „Durch die künstlerische Bearbeitung des Negativs mit der Radiernadel verliert das Foto nach und nach seine Substanz und damit seinen Stellenwert. Ein zerstörtes Negativ, das als Foto nicht mehr reproduzierfähig ist, das aber ,Spuren‘ hinterlassen hat, »Momentaufnahmen‘ verschiedener Stationen … Sie benutzt Zeichen, die leicht zu entschlüsseln sind. Man braucht ihre Bilder nur genauso streng zu analysieren wie sie sich selbst. Ihre Zeichensprache ist aber auch und vor allem Körpersprache, ihre Symbole sind einfach“ (schreibt Claudia Phol-Reisig vom Liebig Museum, Frankfurt). Wenn man Abstand nimmt zu den Bildern, die sich manchmal aus zwischen 1000 und mehr einzelnen kleinen Fotos zusammensetzen, klären sich die anfangs erzählerischen Motive zu einem wilden und auch mathematischen Ganzen. Optische Regeln entstehen. Eine Arbeit suggeriert – dreiteilig aus 1001 Fotos bestehend – was als Titel und Assoziation gedacht ist – vom Schwarz-Weiß-Wert her das Zu- und Abnehmen des Mondes. Der Mond und seine Zyklen, in winzigen Rastern angeordnet und auf den Körper übertragen, wurde in matriarchalischen Kulturen den Frauen zugeordnet. Nachdem die Ethnologie dies erforscht hat, läßt sich mit solchen Zeichen auch spielen. Ich empfinde es als angenehm, daß mit einem Darstellungstabu gebrochen wird. Und zwar in einer Weise, daß das Thema weiterhin provoziert, weil Annegret Soltau es nicht als politisches Faktum bearbeitet oder nach Art der Dokumentarfotografie hinstellt. Bei ihr ist mehr Radikalität und Phantasie im Spiel und auch mehr Auseinandersetzung mit den analytischen Strömungen des „Zeitgeistes“. „Ich wollte mich bemühen“, erklärte die Künstlerin, „das Ganze soweit zu treiben, daß es auch abstrakt darstellbar ist“. Und dann noch „Mich selbst wollte ich zum Modell machen. Da kann ich alles mit mir tun – und auch am radikalsten. Mit jemand anderem könnte ich das nicht“.
Gislind Nabakowski