Ausstellungen: London , 1984

Brief aus London

Körpergraphie

12 Uhr Mittags. Im Commonwealth Institute in Kensington, London, warten Hunderte auf Einlaß. Anlaß ist die neueste Herbstkollektion von Bodymap, die hier zum ersten Mal eine eigene Show wagen. David Holah und Stevie Steward haben mit ihrem Stil in kurzer Zeit ungeheuer viel Erfolg gehabt.

In dieser Woche gibt es täglich etliche Präsentationen, diese hier wird mit Sicherheit eine der außergewöhnlichsten. Und was da auf den Laufsteg kommt, ist wider alle Gesetze der Branche. Klein, dick, mit Doppelkinn und über Dreißig, aber mit Stimme! Helen Terry, übrigens Enkelin von Ellen Terry, einer berühmten Schauspielerin der 20er Jahre, verbap-didel-didubapt mit ihrer starken ’schwarzen‘ Stimme, was für gewöhnlich alles so zum Auftakt gesagt wird. Wer auch nur wenig mit Musik und Szene zu tun hat, der hat doch von der Gruppe gehört, mit der sie normalerweise auftritt: Boy George und Culture Club, für Wochen an der Spitze der Top Ten.

Schwarz und weiß sind Models und Modelle, Bauch und Beine blitzen. Neue Mode zu neuer Musik, Break-Dancing, der neue Straßentanz aus New York auf dem Laufsteg. Poetisch oder laut, hier kommen auch ’normale‘ Maße zu Wort. Frauen um 50, Frauen mit zuviel Bauch, zuviel Busen, zuviel Po, buntgemischt mit gertenschlanken Mannequins und Kindern. Grüne Lippen und Wangen unter Haaren, dem wohl wichtigsten Modeattribut in London, die, gleich Draht, nur in den Spitzen leicht vibrieren. Hier gibt es weder Perlen noch Stöckelschuhe, nichts in Seide, Samt und teuren Pelzen. Jung, voll Lebenslust und Frische – wen wundert’s, daß Bodymap in aller Munde, allen…

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