Titel: Das Deutsche Avantgarde-Design · S. 118
Titel: Das Deutsche Avantgarde-Design , 1986

Das Kaufhaus des Ostens stellt sich vor

Der Osten ist West-Berlin. Der Osten ist Kaufhaus des Westens. Der Osten ist Mitropa. Der Osten ist der östliche Teil vom Westen. Der Osten ist Grenze. Der Osten ist Übergang. Im Osten geht die Sonne auf. Der Osten ist … Der Name ist Programm.

„Ist die Einfachheit einfach oder dada?“ (T. Tzara)

Die Groß-lndustrie ist das Betätigungsfeld für den Industrie-Designer. Doch die Industrie braucht kaum Designer. Also kann der Designer sich nicht betätigen – so einfach ist das.
Das KAUFHAUS DES OSTENS geht eine neue, aufregende Liaison mit der Industrie ein. Wir gebrauchen, verwerten und verdauen das, was sie sowieso ausstößt.
Wir starten eine Entdeckungsreise durch die Lagerhallen der Fabriken, durchstöbern die vollen Regale der Groß-, Zwischen- und Einzelhändler. Ob Gartenmärkte oder Zoogeschäfte, ob Sportausrüstung oder Sanitärbedarf – überall warten potentielle Möbel auf uns, überall springen uns Halb- und Fertigzeuge in die Finger, die neu zusammengesetzt werden wollen.
„Ich sammelte nicht nur Aufnahmen von Fröschen, Krähen und Insekten, sondern auch den vollständigen Bestand meiner früheren Arbeiten. Das Resultat war, daß einige Stücke, an denen ich früher gearbeitet hatte, von anderen verdaut wurden, die wiederum von anderen verdaut wurden … eine musikalische Nahrungskette.“ (B. Eno)

Es geht nicht um Recycling. Wir sind keine Nostalgiker, die in Mülltonnen herumwühlen. Wir greifen viel früher in den Verwertungsprozeß ein und können aus dem vollen schöpfen. Wir nutzen den Überfluß.
Es geht nicht um Do-it-yourself. Wir sind keine Hobbybastler. Wir sind Designer. Wir nehmen , was wir finden (und wir finden, was wir brauchen), fügen das Gefundene zusammen, um eine neue Qualität und Aussagekraft der Dinge, aufregende Kombinationen von ungewohnten Materialien, vielleicht sogar ganz neue Möbel und Objekte, zu erreichen.
„You take some chocolate .. and you take two pieces of bread … and you put the candy in the middle and you make a sandwich of it. And that would be a cake.‘ (A. Warhol)

Das KAUFHAUS DES OSTENS ist preiswert. Wir brauchen für die Herstellung unserer Waren keine Fließbänder, keine komplizierten Maschinen, keine unbezahlbar langen Arbeitszeiten, und wir meiden jeden, der mitkassieren will. Anbieten und Vertreiben erledigen wir selbst.
Das Kaufhaus des Ostens erschließt neue Existenzmöglichkeiten für Studenten und Designer.

Das Kaufhaus des Ostens
Kdo – Kampf der Ohnmacht

Axel Stumpf

„An die jungen Designer“
– Mit dem Fertigen arbeiten und die Produktion anderen überlassen (auch den Schweiß).
– Ganz „filio di papa“, die Qualität prüfen, sich die besten Rosinen aus dem Kuchen picken.
– Entwicklungsaufwand scheuen und mit den schmutzigen Gedanken der Besserwisser, von der Technik profitierend, Ästhetik und Funktion mit minimalem Aufwand effektvoll korrigieren.
– Den Überfluß genießen, sich ausgiebig Pausen gönnend, hyperkritisch über die Arbeit der Fleißigen urteilen.
– Von den ökonomischen Fertigkeiten der Gebrauchtwarenhändler träumen und ein gutes Geschäft wegen zu großem körperlichen oder psychischen Aufwand ausschlagen.
– Die detailverliebten, kunstvoll gezirkelten technischen Zeichnungen begabter Konstrukteure als interessantes, geschmackvolles Dekorationsmaterial oder graphisches Element zur Anwendung in Erwägung ziehen (Futurismus?).
– Eine Arbeit so lange liegen lassen, bis eine elegante Lösung sich von selbst anbietet.
– Sich mit der Sicherheit geübter Weltreisender immer wieder in gemachte Betten legen.
Andreas Brandolini (Bellefast)

Wildfremde Elefanten

Was interessiert uns der konstruierte Gegenstand, der Schweiß, den das gequälte Material uns abringt, die endlos scheinenden Kämpfe um das Produkt auf dem Wege von uns zu dem Alltag der Verkaufsplätze, wenn unsere Herzen verstummt sind!
Das Denken an das Produkt, nach einer Marktanalyse und dem Abklären der Möglichkeiten der Produktion, verstellt uns den Blick auf die Poesie des Erwünschten, die stets sich zusammensetzt aus den Erinnerungen des Gebrauchs und dem unbestimmten Gefühl, es „noch schöner“ zu machen.
Das zu ergründen bedarf es wohl kaum der betonierten Bundesautobahnen und der Abwesenheit launischer Hindernisse. Da gilt es auf einem welken Blatt zu balancieren, sich den täglichen Überfällen der Langeweile preiszugeben, den Echos ferner Düsentriebwerke zu lauschen oder dem Tod irgendeines wildfremden Elefanten in Indien.
Und dann könnten die Vorhänge des Himmels sich öffnen, und das dunkle Schweigen der Gegenstände wird gebrochen sein; die schöne Hand eines neuen Tages liegt auf ihnen und gestern ist eine verblichene Sensation. Und so, wie die Gegenstände den Tälern der Erinnerung entstiegen sind, geht das neu geschaffene Objekt ein in die Verstrickungen des Alltags und wird oft unerwarteten Funktionen körperlicher, geistiger oder seelischer Art zugeführt, wird verwoben in den Teppich persönlicher Schicksale, wird Weggefährte, Kumpan und kann allmählich ein Teil von uns werden, wie wir ein Teil von ihm. Es gibt ihn nicht, den neutralen Gegenstand!
Andreas Brandolini ( Bellefast), Eva Hillebrand

The Poet Will Not Polish

The „new world‘ CONSTRUCTOR has no use for alarm clocks. He wakes naturally and leaps from his bed to inspect the quality of the day. At breakfast he listens to the world news and looks over a map of the city.
More often than not his head feels strangely isolated and dizzy after a night of drink and love or billiards. In this fragile state of mind he is best equipped to receive ideas most suited to constructing a new world.
If the quality of the day is good the constructor will wear his finest suit and step out into the world with a feeling of extreme well-being.
He checks his mail-box for world communication and then sets out on foot or by cycle heading for some area of the city which may have caught his attention at breakfast. As he travels through the streets he may be thinking of a girls breasts or simply turning a technical problem over in his mind. Whatever he’s thinking of he maintains an acute sensibility to his surroundings, an awareness which edits from what he sees vital ideas and perceptions relevant to his work. He looks for objects and materials which posses a certain poetic quality which raises them above the more consciously crafted structural devices employed by his counterpart, the old world constructor. The poetic quality these objects possess is clearly visible to him and when he sees it he buys it. His office has no drawing board but is filled with these strangely significant objects which sooner or later he will invent a use for. The constructor readily admit the influence in his work of artists like Duchamp, but practicality is an important part of his work and in a sense he has reversed their process rendering the »ready-made« useful once more. Marcel Breuer seeing a pair of bicycle handle-bars decided to make chairs using the same industrial process. The new world constructor seeing a pair of bicycle handle-bars decided to use them as they are and save himself the trouble and expense of bending the tube. He seeks to avoid the craftsman’s meaningless, laboured hours of tedious polishing and by minimalizing productions costs to sell his work in quantity and at a healthy profit.
After a morning of searching the constructor’s first concern is to eat a good lunch. From previous walks he knows the whereabouts of several good restaurants. Having a preference for more exotic foods he may decide that Tunisian food suits his temperament that day and settle for a bowl of couscous. A bottle of strong red wine helps to clear his mind of unnecessary thoughts. Over lunch if he is alone he will try to catch the eye of a pretty girl while he considers the morning’s events. In company he will still try to catch the eye of a pretty girl and with luck engage in a little metaphisical conversation on the nature of elegance.
After a strong coffee he may return home with ideas and new objects or with a headache, or he may move on to a bar to continue the conversation. If he goes home without a headache he will amuse himself with experimenting, constructing and generally working at his task of creating a new elegance.
As day turns to night he is thinking once more of amusing himself. He may meet friends for a game of dominoes or fall asleep at the cinema. Sometimes he will drink too much and play billiards till dawn.
So the days pass and the constructor grows older, but his mind stays young because he has avoided the drudgery and banishment of ideals that full time employment encourage. He does not live in fear of the manufacturer because he is both the creator and producer of ideas and as such has no need to satisfy mass market requirments but only to realize his vision of the new world and enjoy himself.
Jasper Morrison

Merve querbeet

Unter dem Motto „Kaufhaus des Ostens“ sind im Sommer 1984 in Berlin-Schöneberg in der Fabriketage des Merve-Verlages rund 40 Möbel der Design-Klasse der Hochschule der Künste ausgestellt. Wie kommt ein Verlag dazu, junges Design auszustellen, fragt der Herausgeber dieser Kunstforumsnummer. Als Verleger sind wir um eine Antwort fast verlegen.
Skizzieren wir unseren Horizont mit einigen Themen: Geniale Dilletanten. Aufstand der Zeichen. American Imaginations. Patchwork der Minderheiten. Die Musik ist los. Immaterialität und Postmoderne. Mikrophysik der Macht. Intensitäten. Individuelle Mythologien. Im Labyrinth der Kunst. Antworten wir mit unseren Autoren: „Ein Buch ist ein kleines Zahnrad in einer viel komplizierteren äußeren Maschine. Schreiben ist ein Strom unter anderen und schaltet sich in laufende und gegenläufige Beziehungen ein, in das Hin und Her mit anderen Strömen, von Scheiße, Sperma, Rede, Aktion, Erotismus, Geld, Politik etc.“ Antworten wir mit Deleuze/Guaftari: „Die Kombinationen, Permutationen und Gebrauchsweisen sind dem Buch nie inhärent, sondern hängen von seinen Verbindungen mit diesem oder jenem Außen zusammen.“
Nennen wir einige Stationen davon in unseren Verlagsräumen, z. B. die Benefritz-Party mit Berliner Szene. Oder Duchamp-Performance (Großes Glas und grüne Schachtel) von Bruno Hoffmann. Oder das Museum der Obsessionen von und mit Harald Szeemann. Oder die Buchpremiere mit Heiner Müller, und Blixa Bargeld am Mischpult. Und Copyart-Ausstellungen mit Stiletto und Dieter Hormel in der Exo-Galerie. Oder Teilnehmer am internationalen Design-Treffen „For Sale“ bei „Ratlos“ nahe Wien. Und die Präsentation von Sylvère Lotringer aus New York. Und Leseperformance von David Hecht und Kiki Martins. Oder Disco-Party unter Kippenberger – Motto „Schlau sein – dabei sein“. Oder eben das „Kaufhaus des Ostens“ mit Heino als guest-star.
Einsam steht die Statue in der Landschaft. Mit der Häufung der Dinge geht der Rückzug aus der Natur einher. Zunehmend künstlich installieren sich die Dinge im geschlossenen Raum. Von Musik und menschlichen Stimmen beseelt, entsteht von Zeit zu Zeit ein Environment. Der Lebensraum nimmt Gestalt an, verdichtet ready-mades zur living-sculpture. Oder sagen wir es mit Foucault: „Doch warum sollte nicht jeder einzelne aus seinem Leben ein Kunstwerk machen können?“ Agente Paris

Kaufhaus des Ostens

Im Sommersemester 1984 lief an der Hochschule für Bildende Künste Berlin im Fachbereich Industriedesign, Fachgruppe Prof. Roericht, ein Kurzzeitprojekt, das von Andreas Brandolini, Jasper Morrison und Joachim Stanitzek betreut wurde (Brandolini und Stanitzek gehören der Designgruppe Bellefast an). Innerhalb von nur zwei Wochen waren von den Studenten Designobjekte nur aus Fertig- oder Halbfertigprodukten herzustellen. Einerseits sollte der Blick für Materialien, die so alltäglich sind, daß man sie kaum wahrnimmt, geschärft werden, andererseits war die Billigkeit der Rohmaterialien Trumpf. „Wir sind unsere eigenen Verwandten“, stand als Motto im ersten Verkaufskatalog, und das sollte heißen, wir schenken uns diese Möbel selbst und denken gar nicht daran, Päckchen mit Sonderangeboten für „unsere Brüder und Schwestern von drüben“ zu packen. Welcher Berliner wartet nicht immer wieder gespannt auf die jeweiligen Schlußverkäufe des Kaufhauses Des Westens, abgekürzt KaDeWe?!

Die kleine Warenkunde des Kaufhauses Des Ostens, KDO, sieht so aus:
Aquarienfilter
Backblech
Backstein
Badewannenträger
Besenstiel
Blumentopf
Bodenstampfer
Euro-Palette
Fahrradlenker
Fahrradsattel
Fliesenrahmen
Haarbürste
Hantelscheibe
Isoliermaterial
Kunstrasen
Kupferrohr-Winkel
Laborbedarf
Maurerkelle
Mopp
Obstpflücker
Pflanzstecher
Regalblech
Sonnenschirmständer
Stanzabfall
Terrassenplatte
Tischbock
Tomatenrankstange
Trichter
Wagenheber
Waschbeton
Wellplastik
Ytong

Die Semesterarbeiten waren zuerst Anfang Juni ’84 in der Aula der Hochschule der Künste in Berlin zu sehen; die fachinterne Resonanz war kühl und spärlich. Das sollte sich jedoch bald außerhalb der HdK ändern. Das KDO ging auf Tournee
Juni/Juli ’84: Merve-Verlag, Berlin,
Oktober/November ’84: Strand-Galerie, München,
Oktober ’84: eine Auswahl auf der Off-Line, Berlin,
November ’84 – Februar ’85: Möbel perdu, Hamburg,
Juni – August ’85: Werkbund-Archiv, Berlin,
September – November ’85: eine Auswahl in der Elefanten Press Galerie, Berlin.
Der für Design zuständige SPIEGEL-Redakteur Werner Dageför berichtete in Nr. 2/1985 über das Kaufhaus des Ostens: „Aufstand der Lehrlinge … eine neue Qualität der Dinge …“.
John Hirschberg, Gabriel Kornreich, Manuel Pfahl und Bettina Wiegand, Stiletto, Axel Stumpf, sowie Christian Werner, die im Rahmen des KDO mit ihren Designobjekten zum ersten Mal an die Öffentlichkeit traten, werden auch an der Ausstellung „Gefühlscollagen – Wohnen von Sinnen“ beteiligt sein, die ab April ’86 im Kunstmuseum Düsseldorf läuft.