Titel: Das Deutsche Avantgarde-Design · S. 85
Titel: Das Deutsche Avantgarde-Design , 1986

Heiko Bartels, Gerhard Fischer, Charly Hüskes, Harald Hullmann

Kunstflug über Ulm und anderswo

Also sprach Dieter Rams: »Außer Frage stehen die drei wichtigsten Kriterien des guten Designs –
1. Gebrauchsqualität oder funktionale Qualität,
2. Machbarkeit und
3. Ästhetische Qualität“

Diese hohlwangige Designerplattitüde von vorgestern, daß ein Produkt funktionieren muß, also das tut, wofür es gemacht ist, wird auch durch ewiges Wiederkäuen nicht besser. Die Form-Follows-Function-Gemeinde rund ums Ulmer Gute-Form-Haus wird nicht müde, ihr Credo zu repitieren.

Noch Jahre nach dem verdienten Tod des Second-Hand-Bauhauses von der Donau sondert Herbert Ohl die These ein: „Design ist meßbar“ – zugehörige Checklisten zum Ankreuzen gleich mitgeliefert.

Meßbar, berechenbar, rational, funktional, Produkt und Mensch im Gleichschritt, marsch! Das Mensch-Maschine-System in perfekter Feinabstimmung!

Der Designer, das Gute, Wahre und Schöne auf den Lippen, glättet das Industrieprodukt bis zur „Sozialverträglichkeit“, jedesmal das Ei des Kolumbus in seiner, die Zeiten überdauernden endgültigen Form – bis zum nächsten Modellwechsel natürlich.

Dieter Ramsens Produktionsstyling für die Firma Braun, gefeiert als die industrielle Verwirklichung des Ulmer Geistes, steht in seiner Schnellebigkeit tatsächlich dem jährlichen New Look einer Detroiter Autoschmiede in nichts nach. Die endlose Reihe der Elektrorasierer, vom glatten Handschmeichler aus den 50er Jahren bis zum noppenbewehrten E-Motorpräservativ der 80er Jahre – noch jedes Jahr ein neuer Braun!

Die Installation des Braun-Designs wird von allen in Ulm und um Ulm herum sich Scharenden als segenspendende industrielle Großtat gefeiert. Tatsächlich ist sie nichts weiter als ein geschickter Marketingschachzug, ein auf gewisse Käuferschichten hin orientiertes Produktimage.

Ganzheitlich, vom Eierbecher bis zur neuen Stadt, alle Lebensbereiche umfassend, sollte die Gute Form den…

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