Ausstellungen: Berlin · S. 271
Ausstellungen: Berlin , 1986

Michael Nungesser

Fundstücke -neu gesehen

Raffael Rheinsberg
Kunstamt Wedding, Berlin 4.10.-16.11.1985

Gewöhnlich ist der Kunstbetrachter im Schubladendenken befangen. Betrat er das Rathaus Wedding in Berlin (West), um sich die Ausstellung von Raffael Rheinsberg (4.10-16.11.85) anzuschauen, stieß er unversehens im Vestibül – fast ist man versucht zu sagen: vom Publikumsverkehr umbrandet – auf die »Installation Koffermauer« (1976/79). Quer durch den Raum verlaufend, eine säuberlich gestapelte Reihe alter, gebrauchsspuren-zerfurchter Koffer. Eine Überraschung für das allgemeine Publikum, fast ein Schock, auch für den Kenner, aber für ihn zugleich Bestätigung seiner Erfahrung im Umgang mit Rheinsbergs Arbeiten im Bereich der Spurensicherung.

Doch die eigentliche Ausstellung fand im Saale statt – sozusagen. Sie präsentierte einen bisher wenig bekannten Rheinsberg: seine frühen Arbeiten auf Papier, Collagen, Frottagen, Monotypien und Zeichnungen. Der Katalog, der ein Werkverzeichnis der Arbeiten auf Papier enthält, beginnend 1966, das bis 1985 reicht, listet 150 Werke auf, zum Teil Serien, die zum größten Teil vor der Übersiedlung nach Berlin 1979 entstanden.

Die Ausstellung vermittelt ein ruhiges, in sich stimmiges Bild, denn Rheinsberg hat ein ausgeprägtes Gefühl für Ästhetik, das bei ihm gerade im Umgang mit Fundstücken – auch die Basis seiner Arbeiten auf Papier – zum Tragen kommt. Es ist aber keine Ästhetik des schönen Scheins, sondern eine der Reflexionen und Selektionen, des Reihens, Kombinierens, eine Ästhetik zwischen den herkömmlichen Medien Bild und Foto, eine Befragung ihres Realitätsgehaltes.

Er tut es mit Skepsis in bezug auf den Wahrheitsanspruch, den beide im Prozeß des Abbildens behaupten.

Ohne großen Materialaufwand und in bisweilen recht kleinen Formaten gelingen Rheinsberg intensive Wirkungen. Er…

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