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Ausstellungen: Heidelberg · S. 244 - 247
Ausstellungen: Heidelberg , 1986

Michael Hübl
Galgen für die marode Mutter?

Der Baum in Mythologie, Kunstgeschichte und Gegenwartskunst
Heidelberger Kunstverein 27.9.-30.11.1985
Stadtgalerie Saarbrücken 15.12.1985-23.2.1986

Am Brunnen vor dem Tore steht seinesgleichen schon lange nicht mehr. Und selbst dort, wo er nicht in ’splendid isolation‘ das Weichbild seines Ortes zierte, sondern dicht gedrängt sich zu so klangvollen und sagendurchwobenen Namen wie den Schwarzwald vereint, siecht er dahin oder ist er gar schon tot: der Baum. Daß ihm Gefahr droht, wußten schon die Skalden Islands. Im »Grimnismàl«, das einen Teil der Edda bildet, ist die Rede von der Weltesche Yggdrasil: Ihre Knospen fressen vier Hirsche kahl, Würmer zerstören ihre Faserwurzeln und an den drei großen Stammwurzeln nagt Nidhögg, der Drache, während an des Baumes Flanken die Fäulnis frißt. »Die Esche Yggdrasil muß Unbill leiden / mehr als man meint«,1 heißt es lapidar in der 33. Strophe. Dabei bedeutet Yggdrasil nichts anderes als einen jener Weltenbäume, wie ihn zahlreiche Mythologien kennen als Symbol für das, was Himmel und Erde zusammenhält. In China etwa, in der taoistischen Mythologie und Kosmologie gibt es »Chienmu«, den himmeltragenden, erddurchwurzelnden Weltenbaum.2

Und immer wieder und allenthalben ist der Baum Sinnbild des Lebens – nicht allein in der christlichen Religion, die neben den ‚arbor cognitionis‘, den Baum der Erkenntnis, den ‚arbor vitae‘ als Baum des Lebens stellt. Noch die – bis weit in dieses Jahrhundert hinein auf Island praktizierte – Sitte, den Toten ein Bäumchen aufs Grab zu pflanzen, damit aus dem verwesenden Leichnam etwas Neues in die Welt wachse, noch der Tannenbaum oder der Stammbaum sind Zeichen für Vitalität und die Regenerationsfähigkeit des Lebens, und sie verweisen auf den Symbolcharakter, den die Menschheit über die Kulturen und über historische Epochen hinweg dem Baum gegeben hat. Grün sei des Lebens goldener Baum, weiß noch Goethe – zu einer Zeit, da eine Entwicklung gerade erst einsetzt, die mit dem Ziel der fruchtbaren Nutzung der Natur begonnen haben mag, und doch furchtbare Ausnutzung, Ausbeutung, Raubbau brachte. Inzwischen ist vom grünen Baum des Lebens nurmehr das Holz geblieben, an dem wie an einem Galgen die marode Mutter Natur im sauren Regen baumelt.

Da ist denn dem Heidelberger Kunstverein nur zu bescheinigen, daß er ein ebenso traditionsverwurzeltes wie hochaktuelles Thema aufgegriffen hat, wenn er sich einen Monat lang in- und außerhalb seiner Hallen dem Baum widmet – dem Baum, in Mythologie, Kunstgeschichte und Gegenwartskunst. Ihr, der »baumbezogenen« aktuellen Kunst gilt das Hauptaugenmerk dieser Veranstaltung, die begleitet wird von Vorträgen und Performances und einem dicken, auf grauem Umweltschutzpapier gedruckten Katalogbuch. Dort sind Aufsätze über den Baum in den Bildern van Goghs, Mondrians oder von Soutine zu finden, gibt es Abhandlungen über die Bedeutung des Baumes in den verschiedenen kunsthistorischen Epochen, aber auch einen naturwissenschaftlichen Beitrag über die Biologie des Baumes und die Ursachen des Waldsterbens.

Ist das Thema an sich schon von aktuellem Interesse, und von daher geeignet, »Massenwirkung« zu erzeugen, so ist man dem sonst vielleicht nur träge ins Museum drängenden Besucher noch mehr entgegengekommen, indem man mitten auf dem Kornmarkt ein Zelt aufbaute mit Kunst zum Thema Baum. Wenige Schritte sind es von dort zur stadteigenen Bergbahn, die hinaufführt zum touristenüberschwemmten Schloß (Castle) und seinem Garten. Auch er – selbst künstliches Gebilde – ist einer der drei Ausstellungsorte für Baum-Kunst. Da kann man denn an sonntäglichen Nachmittagen dem milde lächelnden Unverständnis der Spaziergänger begegnen, wenn sie etwa Hawolis Objekt »Bock«, ein in eine Granitzwinge gespanntes Stammpaar, im Rasen liegen sehen, oder man erlebt das pikiert-stimulierte Gekicher älterer Damen, wenn sie am Wegesrand Franz Gutmanns »Phallocaust« entdecken, einen mehrere Meter langen verkohlten Holzpenis. Derlei offen demonstriertes Unverständnis ist weder ungewöhnlich, noch kann es je ein Argument sein, aktuelle Kunst in die einschlägigen Vereine oder in ähnliche Institutionen einzusperren, auf daß sie niemanden behellige. Gleichwohl verbirgt sich in diesen Reaktionen das Indiz auf eine wohl unbewußte Erkenntnis: daß nämlich durchaus nicht überall schlüssig wird, worum es der Heidelberger Ausstellung geht. Die grüne Vielfalt zwischen Dürre und Üppigkeit künstlerischer Baum-Paraphrasen läßt kaum ahnen, oh hier die Sorge um ein ernstes Problem Pate stand oder ob man nur den rechten Vorwand fand, Kunst zusammenzutragen, deren gemeinsamer Nenner gerade noch darin besteht, daß man den Objekten, Installationen, Malereien, Photographien, Plastiken, Skulpturen allesamt das Gütesiegel »Garantiert naturverbunden« anheften könnte. Nun ist der Baum naturgemäß ein weitverzweigtes, stark verästeltes Gebilde, das den, der sich mit ihm beschäftigt, zumindest äußerlich nicht unbedingt dazu auffordert, sich in Stringenz zu üben. Im Gegenteil: Wer den zwar lädierten, doch (in der Bundesrepublik) zu 48. Prozent noch unangekränkelt grünenden Gegenstand vor Augen hat, der mag sich – bei der Organisation einer Ausstellung – eher dazu stimuliert fühlen, ein weitverzweigtes Geflecht aufzubauen, eine stark entfaltete Bedeutungskrone, an der die Fülle semantischer Möglichkeiten wie Blattwerk hängt. Der Baum als Anlaß und Ausgangspunkt für rhizomatisches Denken. Dieser latenten Aufforderung durch die Materie ist man in Heidelberg offenbar allzu gerne gefolgt. Der Blick ins große Ausstellungszelt, das statt Bier- nun Umweltfreunde füllen, zeigt mehr einen großen Basar denn eine Schau, die einer bestimmten Konzeption folgt. Vorne am Eingang gut sortierte Bücherstände zum Thema Umweltverschmutzung, ausführliche Plakatanschläge der verschiedenen Umweltschutzorganisationen; dahinter, nach der Kasse, kommt die Kunst. Denn wie sagt Joseph Beuys: »… die Kunst ist die einzige Form, in der Umweltprobleme gelöst werden können.«3 Eine einzige Form mit zahllosen Variationen – jedenfalls in Heidelberg. Da gibt es mit pastellzarten und beschriebenen Briefpapieren beklebte Bäume, die an Nylonfäden schweben (Liz Bachhubers »Brieffreundschaft«); da steht ein Leiterobjekt von Kazuo Katase als unbearbeitete-bearbeitete Variante seiner Plus-Minus-, Positiv-Negativ-Kombinationen; es gibt neoexpressionistische Stilleben (»Unter den Bäumen«) von Bernd Koberling, gemalte Baumstümpfe von Norbert Tadeusz oder »Eingeschneite Tannen« (Eitempera auf Leinwand) von Günther Karcher. Durchsetzt von allerlei rostigen Hinweisschildern, darunter das Verkehrszeichen, das Kraftfahrzeugen und Motorrädern die Durchfahrt verbietet, erstreckt sich ein aus Kokosfaser, Wolle und Baumwolle geflochtener Baum-Leichnam mehrere Meter in die Horizontale: »Auflösung – Umwandlung – Wachstum« nennt Heinz Diekmann seine Arbeit. Wie bei Liz Bachhuber, Annelies Klophaus oder bei Dani Caravan steht hier zunächst das Biographische im Hintergrund. So schreibt Diekmann: »Bäume – Wald – Landschaft – ein Bereich, der mich seit meiner frühesten Jugendzeit fasziniert. Wie ein Schwamm habe ich die Bäume und Wälder in mich aufgesaugt, wenn mein Vater in seiner freien Zeit mit mir in die Natur ging, um zu malen. Diese Kiefernwälder meiner märkischen Geburtsstadt sind bis zum 8. Lebensjahr mein Umfeld.«4 Und auch in Dani Caravans Kindheit stehen Bäume – die Bäume, die seine Eltern, die 1920 als Pioniere nach Israel kamen, pflanzten, sein Vater zumal, der Gärtner und Landschaftsarchitekt. Manchmal brechen in der Erinnerung an die eigene Kindheit schärfere Schrunden auf, bleibt nichts vom scheinbar unschuldigen Idyll der Jugend wie es etwa Caravan oder Diekmann beschwören. »Himmelhohe Kiefernwälder, die mich so bewegen. Ja, die Wälder fesseln mich … Diese Landschaft hat Böses getan. Ich kann die Heere ahnen … Dieses Schlachtfeld bleibt mein Eigentum, und wenn ich noch so lebe«,5 heißt es in Armandos »Dagboek van een Dader« (Tagebuch eines Täters;6), das mit der herben Feststellung einsetzt: »Was meine Jugend angeht: Man mußte sich bewaffnen.«7 In seinem Täter-Tagebuch wie in seinen Bildern vom schwarzen Baum (die im Heidelberger Kunstverein ausgestellt sind) oder in seinen Waldrand-Bildern und Waldstücken (die Armando etwa im vergangenen Jahr auf der Biennale von Venedig gezeigt hat) geht es um Schuld und Gewalt. Nicht Waldsterben ist hier das Thema, sondern das Sterben im Wald. Der Wald bei Armando, das ist das düstere Dickicht, wo noch die Erinnerung ruht an das Konzentrationslager Amersfoort, in dessen Nähe Armando aufwuchs: »Ein Ort, versteinert in Schuld und Scham.«8

Der Wald als Medium individueller Vergangenheitsbewältigung? Er ist bei Armando auch Hinweis auf den Zusammenhang, der besteht zwischen romantisierenden Sehnsüchten, für die der Wald den Deutschen ein passendes Gelände war, und der heimeligen Blindheit vor rohen Realitäten; der Wald Armandos ist Hinweis auch auf die »Blut-und-Boden«-Ideologie, die den verwurzelten Menschen wollte und die durch die Taten ihrer Anhänger erst ihre wahre reale Basis erhielt. Der Wald als Metapher für Gewalt – auch Wolf Vostell hat das grüne Thema in diesem Sinne bearbeitet. Daß über allen Wipfeln längst keine Ruh‘ mehr ist, das hat der Fluxus-Künstler in seiner mittlerweile zwölf Jahre alten Installation »Mania«, die auf Starfighter-Abstürze und Wehrdienstverweigerung Bezug nimmt, illustriert, wobei er nach dem Motto jener erst kurze Zeit zurückliegenden Geschichtsphase handelte: »Reflektiertes Leben beeinflußt künstlerische Produktion (Denken und Handeln). Visualisierung von Leben produziert neues Bewußtsein!«9

Es ist eine Täuschung, wie sie die Gliederung eines Textes provozieren kann, wenn hier der Eindruck entsteht, zwischen den Bildern Armandos und den in den Sand gebetteten, von formalin-konservierten Hirnen umgebenen Nadelbaum Vostells sei in Heidelberg eine Relation hergestellt – eine Relation, die zur Reflexion herausfordert. Wenn dem nicht so ist, liegt das weniger an der räumlichen Distanz, die zwischen beiden Exponaten liegt, als an dem, was drumherum aufgebaut wurde. Allein auf dem Weg zu Vostells »Mania«-Koje steht so Unterschiedliches wie Robert Günzels »Gespreizter«, das aus einem Baum gesägte und gefräste Fragment eines gestürzten Menschen; Rudolf Wächters sorgsam aus Stein und Holz zusammengefügte »Waldreliquie«; Günther Ueckers »Nagelbaum« (der in der Ausstellung wie eine Art Kunst-Bonsai wirkt); die in der Technik primitiver Völker aus Hölzern und Schnüren gefertigten Objekte von Doris Mademann oder der »Albero Artificial« von Andreas Techier.

Arbeiten mit den mannigfaltigsten Intentionen. Techier etwa versucht seinem Objekt aus dürrem Geäst und einem auf Antik getrimmten Möbel einen philosophischen Überbau zu geben, indem er vier Sätze aus Wittgensteins Philosophischer Grammatik zitiert (und damit einen Anspruch aufbaut, den er durch seine Arbeit lange nicht erfüllt), während Günther Uecker in seiner ebenfalls ausgestellten Installation »Black Mesa« auf die Situation der Indianer eingeht, deren geistige Kultur bedroht wird »durch den Abbau eines großen Uranvorkommens unmittelbar unter dem zentralen Heiligtum der Indianer, dem Tafelberg in South Dakota.«10 Das hat – obschon indirekt – auch mit dem Thema Baum zu tun und zwar nicht nur, weil Uecker seine Arbeit aus drei auf schwere Messer gestelzten Stämmen zeltartig aufbaut, sondern weil »Black Mesa« an die Bedrohung gemahnt, die die Ansprüche der industrialisierten Zivilisationen mit sich bringen – mal für den Menschen, mal für die Natur. Die Beispiele zeigen: Wie ein vielarmiger Wegweiser, der in alle möglichen Richtungen deutet, steht »Der Baum« in Heidelberg und er lenkt den Blick sowohl auf Mythologisches wie individuell Biographisches, auf die Geschichte ebenso wie auf die Gegenwart. Indes: Es sind so viele Bäume, daß man vor lauter Bäumen die Bäume nicht mehr sieht. Um es am Beispiel Vostell präziser zu sagen: Bis der Ausstellungsbesucher zu seiner »Mania« kommt, hat er bereits so viele ‚Hölzcken und Stöckscken‘ gesehen, daß ihm die kritikgeladene Installation als nicht viel mehr erscheinen mag als eine von x Variationen zum vielsagenden Thema Baum. Hinzu kommt, daß die Baum-Kunst-Schau sich im Zelt auf dem Kornmarkt durch das von Umweltschützern beherrschte Entrée den Anschein gibt, es gehe ihr zunächst um die Auseinandersetzung mit der Problematik des Waldsterbens, die – wiewohl sie einen Teilaspekt etlicher Exponate bildet – nicht den eigentlichen Grundgedanken des Unternehmens darstellt: Das will zuvörderst eine Kunstausstellung mit gleichsam enzyklopädischem Anspruch sein – siehe Titel. Eine Beschränkung auf Umweltliches wäre – selbst wenn es die Lage der Bäume derzeit vielleicht nahelegt – auch nicht notwendig zu fordern. Projekte, wie sie Joseph Beuys in Kassel realisiert (»7000 Eichen«) und in Hamburg versucht hat (Bepflanzung der Spülfelder), leisten in dieser Hinsicht mehr. Was dem ehrgeizigen Heidelberger Vorhaben, das immerhin fast 100 Künstler von Jo Achermann bis Bernd Zimmer zeigt, jedoch auf jeden Fall gutgetan hätte, das wäre mehr Klarheit gewesen, damit die einzelnen Arbeiten nicht nur Belege sind für die großen übergreifenden Thesen oder schlicht für das Thema, sondern wahr- und ernstgenommen werden.

Anmerkungen:
1) Die Edda. Übertragen von Felix Genzmer, eingeleitet von Kurt Schier. Köln 5 1984. S. 48.
2) Vgl. Ingrid Brandt: Bild des Kosmos und des Menschen. In: Hans Gencke (Hg.): Der Baum. Heidelberg 1985. S. 52-69, hier S. 55 f.
3) Götz Adriani, Ulrich Weisner: Vorwort zu 7000 Eichen. O.S. Tübingen 1985.
4) Hans Gercke (Hg.): Der Baum, a.a.O., S. 320.
5) Ebd., S. 304. Vgl. auch: Armando. Catalogo Padiglione dell‘ Ollanda. 41. Biennale di Venezia 1984. Amsterdam – Den Haag 1984. S. 53-59.
6) Armando: Dagboek van een Dader. Leiden 1973.
7) Armando. Catalogo Padiglione a.a.O., S. 44/45 (Üs. Hübl).
8) Louis Perron: Armando. In: Vrij Nederland. 4.11.1978. zit. nach: Armando. Catalogo …, a.a.O., S. 8/9 (Üs. Hübl).
9) Hans Gercke (Hg.): Der Baum, a.a.O., S. 416.
10) Ebd., S. 408.

PS. Auch die Arbeiten von Anselm Kiefer hätten sicher einen interessanten Diskussionsbeitrag zum Thema Baum geliefert: »Das deutsche Volksgesicht. (Kohle für 2000 Jahre)« aus dem Jahre 1974 oder seine »Wege der Weltweisheit – die Hermannsschlacht« (1977) haben ebenso mit Holz, Verholzen, des Deutschen Verhältnis zum Wald zu tun wie sein Buch »Der Teutoburger Wald« (1977). Daß Kiefers Arbeiten in Heidelberg fehlen, ist freilich eher durch Platzprobleme denn dadurch begründet, daß der Bernauer Maler 1970 in zwei Bänden die »Überschwemmung Heidelbergs« projektierte.