Magazin: Publikationen · von Marius Babias · S. 502
Magazin: Publikationen , 1996

Der Beginn einer Epoche:
Texte der Situationisten

„Wir meinen zunächst, daß die Welt verändert werden muß.“ So beginnt der „Rapport über die Konstruktion von Situationen“ (1957) von Guy Debord. Vor die Wahl zwischen den existentialistischen Verfälschungen des Kapitalismus und den kleinbürgerlichen Lebensformen des Stalinismus gestellt, schlagen die Situationisten einen dritten Weg vor, den „unitären Urbanismus“, ein theoretisches Konzept zur Herstellung eines neuen, dynamischen Lebensmilieus. In insgesamt 12 Nummern ihrer Zeitschrift „Situationistische Internationale“ (S.I.) analysieren sie die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse, kritisieren den Okkultismus der Surrealisten und begrüßen den wilden Generalstreik vom Mai `68 in Frankreich.

Die Edition Nautilus, die bereits 1976/77 in zwei Bänden die gesammelten Schriften der S.I. in deutscher Übersetzung herausbrachte, legt nun in zum Teil neu edierten Fassungen einen gestrafften Sampler nach. Während die Erstausgabe weitgehend auf Ignoranz und Unverständnis stieß, was „den Rückstand der deutschen Linken in den 70er Jahren kennzeichnet“ (Roberto Ohrt im Vorwort), so kommt die Neuausgabe zwanzig Jahre später zur rechten Zeit heraus. Die praxisnah und erstaunlich klar formulierten Ideen der Situationisten könnten zur Neuorientierung der Linken nach dem Burnout des Staatssozialismus beitragen. Ein Grund für die verspätete Rezeption liegt aber im starren Gruppencodex der Situationisten selbst begründet. Die Situationistische Internationale verzeichnet 70 Mitglieder, 45 Ausschlüsse (u.a. Armando, Dieter Kunzelmann und Hans Platschek), 19 Austritte (u.a. Asger Jorn) und zwei Abspaltungen. Die Zwistigkeiten blockierten die angestrebte Agitation der Öffentlichkeit.

Die in der Praxis kaum erprobten Ideen der Situationisten unterschieden sich vom dogmatischen Konzept der „Gegenöffentlichkeit“, eher beflügelten sie die „Spassguerilla“ und deren Methode der „Entfremdung von Situationen“ Anfang…

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