Titel: Documenta11 , 2002

MICHAEL HÜBL

Der verlorene Rekurs

ANMERKUNGEN ZU EINER DOCUMENTA, DEREN KUNSTCHARAKTER WIEDER EINMAL ANGEZWEIFELT WURDE, UND DIE BEI WEITEM NICHT SO POLITISCH IST WIE DER ANSCHEIN, DEN SIE SICH GIBT

Wie politisch ist die Documenta 11? Sie war noch nicht eröffnet, nicht einmal die Preview für die Presse war angelaufen, da gab es bereits den ersten Platzverweis. Er sollte die Großschau in eine Ecke stellen, die spätestens seit den Vorbereitungen zur ,d 5′ und nicht zuletzt anlässlich des Theorie-Beipacks zur ,d X‘ immer wieder als Standardunterkunft herangezogen wird, sobald die kritische Verortung des Kasseler Ereignisses zur Debatte steht. Je nach ideologischem Couleur wird die „Verschmelzung von Kunst und Leben“1 gefeiert, die „das in sich versunkene, abgeschlossene Werk“2 ersetzt, oder es wird eine „geistige Bankrotterklärung“3 konstatiert, die nur deshalb zu ertragen sei, weil „es sich in den allermeisten Fällen gar nicht um Kunstwerke handelt“4. Zwischen den beiden Beispielen liegen 30 Jahre. Das Pro datiert von 2002, das Contra von 1972, findet aber in der Gegenwart seine Fortsetzung. Der Tenor diesmal: Selbst schuld. Angewandt wird ein revisionistisches Klischee, das die Möllemann-Debatte reaktiviert hat und das behauptet, es seien die Juden selbst, die durch ihr Auftreten den Antisemitismus provozieren. Kein Opfer, das nicht auch Täter wäre: Nach diesem Argumentationsmuster, ging jetzt Hanno Rauterberg vor, als er im Wochenmagazin „Die Zeit“ anlässlich der Documenta 11 fragte, „Was soll uns diese Kunst?“ und unter anderem zu dem Schluss gelangte: Die Kunst „wirkt mit an der Zersetzung ihrer angestammten Rolle. Viele jüngere Künstler wollen sich nützlich machen, wollen gebraucht…

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von Michael Hübl

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