Titel: Documenta11 , 2002

Kunst als Teil eines umfassenden Systems

ODER
DER ERWEITERTE HORIZONT DES DETERRITORIALISIERTEN AKTIONSRAUMS

AMINE HAASE IM GESPRÄCH MIT OKWUI ENWEZOR

Amine Haase sprach mit dem künstlerischen Leiter der Documenta11, Okwui Enwezor, in Kassel über Jean-Paul Sartre und Frantz Fanon, über Kolonialismus und das imperialistische Erbe, über nörgelnde Kritiker und Voyeurismus, über Ground Zero und die Stille der Kunst

Amine Haase: In seinem Vorwort zu Frantz Fanons Buch „Les damnés de la terre“ (Die Verdammten dieser Erde), schrieb Jean-Paul Sartre 1961: „Es ist noch nicht lange her, da zählte die Erde zwei Milliarden Einwohner, das heißt 500 Millionen Menschen und eine Milliarde 500 Millionen Eingeborene. Die ersten verfügen über das Wort, die anderen entliehen es.“ Ist diese Tatsache, diese Trennlinie, ein Grund dafür, dass die Documenta11 dem Wort so viel Aufmerksamkeit schenkt?

Okwui Enwezor: Die Unterscheidung, die Jean-Paul Sartre zwischen Mensch und Eingeborenem vornimmt, ist tatsächlich für die Problematik der post-kolonialen Konstellation in der heutigen Zeit von zentraler Bedeutung. Sartres Idee, 500 Millionen „Menschen“ – vermutlich Europäer, also diejenigen, die im Besitz der Macht sind und bestimmen, wohin der Strom an Ideen, Waren, Dinge und Wissen gelenkt wird – anderthalb Milliarden „Eingeborenen“ gegenüberzustellen, die in unvorstellbarer Sklaverei, Unterwerfung und Kolonialismus gehalten werden, ist eine aufschlussreiche Metapher für den Zustand des gegenwärtigen globalen Raumes. Selbst wenn diese Metapher im Verhältnis zu der von der Documenta11 betriebenen generellen intellektuellen und künstlerischen Analyse beträchtliche Aufmerksamkeit erlangt hat, ist sie für die Documenta11 in vieler Hinsicht jedoch nicht unbedingt ein Ausgangspunkt. Für mich ist sie, wie ich schon oft betont…

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