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Report · von Amine Haase · S. 322 - 325
Report , 2014

Die Fondation Louis Vuitton
Bernard Arnault, der spektakuläre Bau von Frank Gehry und die Künste

von Amine Haase

Der Bau, den Frank Gehry für die Fondation Louis Vuitton am Rande des Bois de Boulogne im Westen von Paris erfunden hat, spiegle drei Eigenschaften, drei Werte, die für die Gruppe LVMH charakteristisch seien, äußerte Bernard Arnault, Herr über das Luxusgüter-Ensemble Louis Vuitton/Moet & Chandon/ Hennessy, in einem Interview mit der Pariser Tageszeitung „Le Figaro“: Zum einen Kreativität, zum anderen Qualität und vor allem Durchhaltevermögen. Der 65jährige aus Nord-Frankreich stammende Unternehmer, zu dessen Kapital auch die Wirtschaftszeitung „Les Echos“ und Mehrheitsanteile an Dior gehören, hat selbst die drei Eigenschaften so gewinnbringend angewendet, dass er zum reichsten Mann Frankreichs wurde. Die Kosten für den Neubau werden offiziell mit einhundert Millionen Euro beziffert. Die Summe für die Arnault sich den Traum von einem Kristallpalast erfüllte ist wahrscheinlich höher. Egal, Arnaults Berater Jean-Paul Claverie erinnert sich: „Gehrys Zeichnungen haben uns sofort begeistert. Doch die Technologie, die es brauchte, um ein solches Gebäude zu erstellen, existierte anfänglich nicht. Man musste alles dafür erst erfinden.“ Dreißig Patente, vor allem für die Herstellung von Spezialglas, wurden eingereicht. Kompliziert gekrümmte Glasteile mussten in Italien vom französischen Spezialisten Saint-Gobain hergestellt werden. Das Ergebnis ist beeindruckend, und die Assoziationen sind so vielfältig wie die Blicke auf das ungewöhnliche Gebäude – eine Wolke, ein Eisberg, ein Schiff, das aus zwölf Riesensegeln besteht, zusammengesetzt aus fast 3.600 leicht opaken Glas-Paneelen. Nähert man sich dem Eingang, so entdeckt man hinter einer Brüstung Wasser, das über breite Stufen in einen Graben rauscht. Der liegt auf der gleichen Höhe wie das Untergeschoss und ist vom Auditorium direkt zugänglich. Das Auditorium verweist auf die multi-mediale kulturelle Nutzung; Lang Lang führte dort bereits seine Klavier-Virtuosität vor, und „Kraftwerk“ ist eingeladen.

Im Inneren des Hauses bleiben die Verstrebungen aus Metall und die wuchtigen Träger der Segel sichtbar. Die Struktur aus Inox und gekrümmtem Lärchenholz, die über den Stahl-Beton-Bau herausragen, kommt ohne Stützen am Boden aus. Terrassen und Balkone verschränken Innen und Außen – und bieten überraschende Ausblicke auf den Jardin d’Acclimatation, den Eiffelturm, die Hochhäuser der Défense. Die Ausstellungsräume mit einer Gesamtfläche von 3.850 Quadratmetern haben gerade Wände, was – wie Hausherr Bernard Arnault betont – einen Kontrast zum „hyperkreativen Äußeren“ bildet. Und er kann sich nicht den Hinweis verkneifen, dass sich „in der Fondation Louis Vuitton mehr Stahl befindet als in der Tour Eiffel“. In einigen Räumen kommt das Licht aus großen Deckenlichtschächten, in andere fällt kein Naturlicht. Die verschiedenen Ebenen sind durch Treppen – auch außen – miteinander verbunden; es gibt einen transparenten Personen-Aufzug und Rolltreppen, die allerdings in ihrer grauen Länge eher an die Metro als an eine Luxus-Kunst-Schatulle denken lassen.

Immer mehr Unternehmen, speziell die für Mode und Luxusgüter, haben ihre Fondation oder Ausstellungshäuser. Cartier ergriff 1984 die Initiative, das Gebäude für seine Fondation am Boulevard Raspail stammt von Jean Nouvel. Hermès, Chanel, Pierre Bergé-Yves Saint Laurent, Louis Roederer, die Galeries Lafayette – alle folgten, und Prada will 2015 einen von Rem Koolhaas geplanten Neubau in Mailand eröffnen. Wen wundert es also, wenn der LVMH-Chef in Kunst und ein Haus für sie investiert – wie sein Konkurrent und Erz-Rivale François Pinault, und doch ganz anders. Der gut zehn Jahre ältere Bretone hatte nicht das Stehvermögen, um sich bei der französischen Bürokratie durchzusetzen. Als die seinen Pariser Plan durchkreuzte, auf der Ile Séguin, dort, wo einst der Autobauer Renault angesiedelt war, die Fondation Pinault zu etablieren, zog er 2006 mit dem Projekt nach Venedig. Dort zeigt er seine Kunstsammlung sowie andere Ausstellungen im Palazzo Grassi und seit 2009 zusätzlich in der Dogana, dem von Tadao Ando umgebauten ehemaligen Sitz der venezianischen Zollbehörde (sh. Kunstforum Band 181 und 198). Auch für Arnault und seinen Architekten Frank Gehry gab es Widerstände. Aber dem LVMH-Chef gelang ein geschickter Schachzug: Er vermacht das Gebäude in fünfzig Jahren dem Staat – das Gebäude. Arnault streicht heraus: „zweifellos ein einzigartiges Beispiel für Mäzenatentum. Ein Geschenk für Frankreich.“ Die glücklichen Gesichter auf den Fotos von der Eröffnung mit dem französischen Präsidenten François Hollande und der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalogo demonstrieren erst einmal Freude über das „Geschenk“.

Klar, dass sich Gegenstimmen erheben: wer zahlt in fünfzig Jahren den Unterhalt für die Gehry-Phantasie, dieses komplexe Gefüge von Glas-Segeln? Immerhin ist es im Windkanal auf seine Widerstandsfähigkeit getestet worden. Aber, was des einen Traum, ist des anderen Albtraum. In „Le Monde“, die Doppelseiten-Werbung für Vuitton veröffentlicht, schrieb Jean-Michel Tobelem, Spezialist für Mäzenatentum und mit einem Doktorgrad in Betriebswirtschaft ausgerüstet, einen bitterbösen Kommentar: „Bernard Arnault, der von einigen als skrupelloses Raubtier bezeichnet wird, süchtig nach Reichtum, und der versucht Steuer-Exil in Belgien zu erhalten, wird durch den Zauber des Mäzenatentums zum bewunderten selbstlosen Beschützer von Kunst und Kultur.“ Mehr noch: „Das Unternehmen setzt sich die Perspektive der Steueroptimierung, und lässt die Gesamtheit der Franzosen mehr als die Hälfte der Kosten der Stiftung bezahlen, die die angekündigten 100 Millionen Euro weit übertreffen. Angesichts der Budgetnot sind diese Kosten keineswegs zu vernachlässigen.“

Ebenfalls in „Le Monde“ kommentierte der Politikwissenschaftler Christophe Rioux die immer enger werdende Beziehung von Luxus und Kunst: „Kunst erlaubt den Luxushäusern – so wie Botox dem einzelnen Menschen – das Einspritzen einer unmittelbaren Verjüngung.“ Es gehe – frei nach dem amerikanischen Philosophen Arthur Danto – um eine „Verklärung des Banalen“, also um die Schaffung eines Zwitters, „etwa wie die Taschen, die Takashi Murakami für Vuitton entworfen hat“. Tatsächlich sind die hybriden Kunst-Luxus-Entwürfe für die Prestige-Vitrinen an den Champs-Elysées gang und gäbe, gekoppelt mit Ausstellungen in den eigens im selben Gebäude dafür vorgesehenen Räumen. Und Frank Gehry schuf für die Herbst/Winterkollektion 2014/2015 die passende Schaufensterdekoration. Nicht zu leugnen ist, dass der Wert der Sammlung, wie bei Pinault, durch das Ausstellen gesteigert wird – noch dazu in spektakulären Bauten und nobilitiert durch Kunstexperten wie die ehemalige Direktorin des Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Suzanne Pagé, die Arnault 2006 als künstlerische Beraterin engagierte.

2006, just in dem Jahr, in dem Pinault seine Pariser Pläne aufgab und nach Venedig verlegte, wurde das Projekt Fondation Louis Vuitton mit der Stadt Paris ausgehandelt. Zu dem Zeitpunkt war Christophe Girard der Kulturbeauftragte an der Seite des damaligen Bürgermeisters Bertrand Delanoë und gleichzeitig „directeur de la stratégie mode“ – bei LVMH. Honi soit qui mal y pense. . . Angeblich wurde eine jährliche Gebühr von 50.000 Euro während der Bauzeit und von 100.000 Euro pro Jahr nach der Eröffnung ausgehandelt sowie eine Gewinnbeteiligung, damit die Fondation fünfundfünzig Jahre das Gelände im Jardin d’Acclimatation nutzen kann. Das heruntergekommene Gebäude des „Bowling de Paris“ wurde abgerissen, und 2007 konnte der Grundstein für den ambitionierten Bau in dem Landschafts- und Freizeitpark gelegt werden. Der privilegierte Ort für Kinderspiel und Sonntagsspaziergang wurde von Marcel Proust in „A la recherche du temps perdu“ verewigt – den Frank Gehry einen seiner „Lieblingsautoren“ nennt. Aber der Architekt bezieht sich auch auf die Glasarchitektur des Pariser Grand Palais und natürlich auf seine eigenen Entwürfe: von Bilbao bis Düsseldorf. Ein umfassender Überblick auf sein Schaffen ist zeitgleich mit der Eröffnung der Fondation Vuitton im Pariser Centre Pompidou zu sehen (bis zum 26. Januar 2015), und die erste Einzelausstellung in der von ihm gebauten Fondation ist der Entwicklung seines Vuitton-Projekts gewidmet (bis zum 16. März 2015). Das Hauptkunstwerk ist zweifellos die Architektur des 1929 geborenen Pritzker-Preisträgers. Wer sich ein Bild von der Arnault-Vuitton-Sammlung machen möchte, muss mindestens noch zwei weitere Ausstellungskapitel abwarten.

Die Sammlung, die Malerei und Skulptur, ebenso wie Video- und Musikstücke umfasst, kann in der beschränkten Zahl der Schauräume nur häppchenweise gereicht werden. Die künstlerische Leiterin Suzanne Pagé spricht von einer Gliederung nach kontemplativen, expressiven und poppigen Kriterien. Allerdings verschwimmen schon bei der ersten, eher kontemplativen Präsentation die Grenzen zwischen der Privat- und der Konzern-Sammlung. Isa Genzkens gigantische „Rose“ empfängt den Besucher in der hellen Eingangshalle. Die größte der Galerie genannten Ausstellungsräume ist Arbeiten von Gerhard Richter vorbehalten – leider nicht seine besten, weder die abstrakten Bilder, noch das „Seestück“ oder der „Hirsch“, den Richter, vielleicht ironisch auf Wald und Hirschfelsen des Jardin d’Acclimatation bezogen, ins Zentrum rückte. Suzanne Pagé betont die enge Zusammenarbeit mit den Künstlern, und Richter hängte die kleine Übersichtsschau höchstpersönlich. Imposant ist der riesige weiße „Mann im Matsch“ von Thomas Schütte, der sich den Raum mit Cerith Wyn Evans‘ transparentem, tönenden „A=F=L=O=A=T“ teilt. Die hängende Glas-Skulptur ist eine klingende Reverenz an den Gehry-Bau. Der Titel „à flot“ mag auf das „Fließen“ des Wassers rund um das Gebäude anspielen oder auf den „Überfluss“ kreativer Möglichkeiten durch das LVMH-Mäzenatentum; anhören tut er sich wie „une flûte“ – der elliptische Lüster besteht ja schließlich aus zwanzig Flöten. Eine andere musikalische Beziehung zur Architektur konnte man während der Eröffnungstage entdecken: Oliver Beer schuf eine „Composition for a New Museum“, bei der Sänger, mit dem Gesicht zur Wand, einem Raum Töne wie in einem gregorianischen Choral entlockten. Performance soll weiterhin groß geschrieben werden – eingeladen wurden unter anderen Dominique Gonzalez-Foerster, Noé Soulier, Tarek Atoui.

Bemerkenswert sind die zahlreichen Auftragsarbeiten. „A polite fiction“ von Taryn Simon sieht ebenfalls wie eine Hommage an den Architekten aus. Die Amerikanerin betreibt eine Art Bau-Archäologie und dokumentiert in Vitrinen und auf Fotos Steine, Staub und Wasserwaage. Bei dem Film „Strange Magic“ von Sarah Morris weiß man nicht genau, ob es sich um einen Werbefilm für LVMH handelt, oder ob die Britin sich nicht doch eher über Diorissima-Düfte und schäumenden Moet&Chandon-Champagner lustig macht. „Where the Slaves live“ ist ein gewagter Titel in dem Umfeld; Adrián Villar Rojas stellte seine Skulptur, bestehend aus mehreren Schichten kompostierbarer Materialien, auf eine der Terrassen – Wind und Wetter ausgesetzt. Ellsworth Kelly, dessen „Relief“-Malerei einen der „kontemplativsten“ Räume dieser ersten Sammlungs-Präsentation entstehen ließ, entwarf für das Auditorium der Fondation ein riesiges „Spektrum“, das zusammen mit seinen „Panels“ in rot, gelb, blau, grün und violett den komplexen Raum akzentuiert. Der Beitrag, der Gehrys spektakulärer Architektur ebenso spektakulär antwortet – und dabei nur knapp an der Dekoration vorbeischrammt – stammt von Olafur Eliasson. Er schuf in dem „Grotto“ genannten Außenbereich hinter dem Auditorium „Inside the horizon“, eine Enfilade von mehr als vierzig dreieckigen Pfeilern, jeder mit zwei spiegelnden Seiten und einer gelb leuchtenden. Dabei sind die Spiegel entlang des ersten Teils der Promenade entlang des Wasserbassins nach innen gekehrt und im zweiten Teil nach außen. In der Mitte des Weges spiegelt sich der Promeneur also über vierzigmal.

Eliasson soll gleichzeitig mit dem zweiten Kapitel der Sammlungs-Präsentation eine Einzelausstellung gewidmet werden. Im ersten Kapitel ist Pierre Huyghes Film „A Journey that wasn’t“, zu sehen, ein beeindruckender Dokumentar- und gleichzeitig Science-Fiction-Film. Mit „Dial a Poem“ von John Giorno (1968) hat auch die Poesie einen Platz in der Eröffnungsausstellung gefunden: Wenn man den Hörer von einem der alten schwarzen Bakkelit-Telefone abhebt, hört man ein Gedicht. Der Schriftsteller Jerôme Game organisiert im Übrigen „Poesie now“ mit ganz unterschiedlichen zeitgenössischen Beiträgen, die im Auditorium vorgestellt werden. Natürlich trifft man alte Bekannte der ehemaligen Museumsdirektorin Susanne Pagé wieder: Christian Boltanskis wild geschnittene Video-Collage von 2005, die „6 Septembres“ seines Geburtstags (1944), oder Bertrand Laviers Neon-Relief „Empress of India“ von 2006. Auch für die folgenden Ausschnitte kündigt die künstlerische Leiterin vertraute Namen an: Alberto Giacometti, Annette Messager, Isa Genzken, Maurizio Cattelan, Ed Atkins sowie Sigmar Polke und Tacita Dean. Im nächsten Jahr dann Cyprien Gaillard, Douglas Gordon, Philippe Parreno, Jason Rhoades, Anri Sala, Andreas Gursky, Elaine Sturtevant.

In Frankreich ist die Zeit der „grands projets“, der von den Staatspräsidenten initiierten großen Pariser Kulturprojekte, wohl vorbei. Sie stehen wie persönlichen Denkmäler im Krisen-geschüttelten Land: Das Centre Pompidou, Mitterands Großbauten – von der Louvre-Pyramide und der Oper an der Bastille bis zur Grande Arche der Défense und der Bibliothèque Nationale im Stadtteil Bercy – und das von Chirac gewünschte ethnologische Musée du Quai Branly. Gleich neben der Fondation Louis Vuitton befindet sich ein trauriger Zeuge des Schwindens öffentlicher Kulturförderung: Das ehemalige Musée National des Arts et Traditions Populaires zog in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einen damals fortschrittlichen Gebäudekomplex. 2005 wurde das Museum geschlossen; die Bestände kamen nach Marseilles, wo sie in das im vergangenen Jahr eröffnete Musée des Civilisations d’Europe et de la Méditerrannée (Mucem) integriert wurden. So muss man wohl sagen: Solange die Arnault, Pinault, Prada etc. in Kunst investieren, ist nicht alles verloren. Allerdings kann das nicht heißen, dass der Staat sich aus seiner Verantwortung zurückzieht. Sicher ist, dass LVMH künftig eher in die eigene Stiftung investieren wird als in Museums-Ausstellungen, was das Unternehmen bislang recht intensiv tat. Das Risiko, dass der Luxus die Kunst korrumpiert, ist vielleicht größer geworden. Der Kunstmarkt ist der mehr oder weniger berechenbare Zwischenhändler. Aber ob ein Künstler sich vereinnahmen lässt oder nicht, entscheidet jeder für sich.

Fondation Louis Vuitton

8, Avenue du Mahatma Gandhi,

Bois de Boulogne , Paris

http://www.fondationlouisvuitton.fr

Erste Sammlungspräsentation:

24.10.-24.11.2014

Zweite Sammlungspräsentation:

17.12.2014-30.3.2015

Dritte Sammlungspräsentation:

24.4.- Sommer 2015

Ausstellung Frank Gehry La Fondation Louis Vuitton 2002 bis 2014 : 24.10.2014 – 16.3.2015

Ausstellung Olafur Eliasson:

17.12.2014-16.2.2015

Ausstellung Les clefs d’une passion:

20.3.-29.6.2015