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Kommentar · von Jürgen Raap · S. 92 - 94
Kommentar , 1991

Die unerwünschte Identitätssuche

Vom Abschied der Kultur als Fortschrittsvehikel
Von Jürgen Raap

Mit der Wahl eines ehemaligen Elektrikers zum Staatspräsidenten, so merkte die „tageszeitung“ kürzlich an, sei Polen der Diktatur des Proletariats näher als zu Zeiten der Kommunistenherrschaft. Das mag bezüglich der Neigungen zu autoritärem Gebaren seitens des Herrn Lech Walesa stimmen, aber es gilt nicht bezüglich der Repräsentation „authentischer“ Arbeiterkultur in einer staatlichen Institution. Denn gregorianische Choräle liefern Walesa und seinen Gewerkschaftsmitstreitern eher Leitbilder als Schalmeienklänge zu Maiparaden, und dies gilt nicht nur für das katholische Polen: Zu hohen kirchlichen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern werden nun auch weihrauchschwingende Popen vor den Kreml-Mauern gesichtet. Politische Macht, ob um sie gerungen, ob sie geteilt oder ungeschmälert ausgeübt wird, bedarf immer einer kulturellen Komponente zu ihrer (repräsentativen) Darstellung und ihrer ideellen, gar ideologischen Legitimation als „Herrschaftskultur“ oder „Kulturherrschaft“. Ihre Werte und Inhalte sollen nach dem Willen ihrer Träger bzw. Protagonisten im öffentlichen Leben einer jeden Gesellschaft dominieren. Minderheiten werden dabei als Mitspieler mehr oder weniger geduldet, erhalten Ventile und Reservate, die mit exotischen Randerscheinungen auszufüllen sind. Die „multikulturelle Gesellschaft“, wie sie manchen Grünen vorschwebt, kann jedoch so nicht funktionieren, weil sich ihre widerstreitenden Vertreter nicht auf ein verbindliches Herrschaftsmodell zu einigen vermögen. Das sieht man z. B. an den „Autonomie“-Parolen, die die Nationalitätenkonflikte in der Sowjetunion bestimmen.

Kultur wird als identitätsstiftender Faktor beschworen, das Streben nach politischer Autonomie ist immer mit einer Suche nach kultureller Souveränität verbunden: Wo dem aber ökonomische Prozesse und Zwänge entgegenstehen, kippt dies leicht ins reaktionäre, gar rassistische und faschistische…


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