Titel: Die Zukunft des Körpers I · von Karlheinz Lüdeking · S. 216
Titel: Die Zukunft des Körpers I , 1995

Karlheinz Lüdeking

Die Vergangenheit des Körpers

»Der Körper war Fleisch.«
William Gibson: Neuromancer, 1984

Wer sich heutzutage für die Zukunft des Körpers interessiert, wird aus Prognosen von Futurologen und Spekulationen von Kulturkritikern weniger lernen als durch die Lektüre literarischer Werke, die man der (gemeinhin recht geringgeschätzten) Gattung der science fiction zurechnet, dem Genre der utopischen Epen, oder wörtlich übersetzt: der Wissenschaftsdichtung. Einen unbestrittenen Spitzenplatz in diesem Genre hält derzeit immer noch (und zu Recht) der unter dem stilistischen Etikett des „cyberpunk“ gehandelte Roman Neuromancer von William Gibson, der im Jahre 1984 erschien. Der Held dieses Romans – er trägt den Namen „Case“ – besteht seine Abenteuer zum einen in der realen Umgebung von alten, verwahrlosten irdischen Großstädten und neuen, gepflegten Freizeitarchitekturen im Weltraum. Zum anderen bewegt er sich aber auch in der irrealen Welt eines von Computern simulierten Raumes, für den der Autor William Gibson den einprägsamen Begriff des cyberspace erfunden hat. Case ist ein „Konsolen-Cowboy“, ein Desperado, der sich Elektroden an den Schläfen befestigt und in das Universum der Daten eindringt, um unter der ständigen Drohung des Hirntodes elektronische Verteidigungssysteme von Konzernen und Militärdiensten zu überwinden und zu geheimen Informationen vorzudringen. In seinen Kreisen ist es üblich, eine snobistische Verachtung für das „Fleisch“ zur Schau zu tragen, denn niemand wird der banalen Welt des Körpers noch irgendeine besondere Bedeutung zumessen, wenn er einmal die Sensationen kennengelernt hat, derer man in virtuellen Realitäten teilhaftig werden kann.

»Indem der Leib das ist, worüber hinaus gegangen wird, ist er das Vergangene.«
Jean-Paul Sartre: L’Être et le Néant, 1943

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