Titel: Die Zukunft des Körpers I , 1995

Simon Penny

Körperwissen, digitale Prothesen und kognitive Diversität

Einführung

„Ich teile deine Nostalgie hinsichtlich des Körpers nicht.“ Diese auf einem vor kurzem stattgefundenen Symposium über elektronische Kunst gefallene Aussage hat eine weitverbreitete, aber besonders von Vertretern des Cyber-Lebens vertretene Haltung zusammengefaßt.1 Aber was meint eine solche Behauptung? Vermutlich bewohnt der Sprecher einen Körper aus Fleisch wie alle anderen Lebewesen und erfährt die Freuden und Schmerzen durch diese Verkörperung. Ohne eine solche Verkörperung könnte er nicht einmal eine solche Aussage formuliert oder die Eindrücke gesammelt haben, die ihn zu ihr veranlaßt haben.

Die Voraussetzung für diese Äußerung ist, daß es irgendeine Alternative zur Verkörperung gibt. Überdies impliziert die Idee der „Nostalgie“, daß der Körper schon verschwunden sei, eine Schlußfolgerung, die der verfügbaren Evidenz zu widerstreiten scheint. Dennoch hat der australische Performance-Künstler Stelarc behauptet, daß der Körper „veraltet“ sei, und hat der Robotikwissenschaftler Hans Moravec die Vision einer Zukunft ausgebreitet, in der wir unser Bewußtsein in eine galaktische Gaswolke aus digitalen Datenbanken hochladen und als unsterbliche, entkörperte und digitale Entitäten leben. Dieser Wunsch, den Körper loszuwerden, ist, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, ein durchgängiges Thema in der westlichen Philosophie und eine zentrale Lehre des christlichen Dogmas.2 Wenn man das technologische Drumherum aus Moravecs Rede von der entkörperten Unsterblichkeit im Himmel wegläßt, dann verstehen wir, daß er davon spricht, zum Himmel aufzusteigen.

Die Möglichkeit, den Körper als ein anpaßbares Kostüm zu betrachten, das gutartigen kosmetischen Veränderungen oder den bösartigeren Eingriffen der kosmetischen Chirurgie, der Fettabsaugung und der Brustimplantate unterzogen werden kann, zeugt von der Objektivierung des…

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