Titel: Die Zukunft des Körpers I · von Richard Shusterman · S. 210
Titel: Die Zukunft des Körpers I , 1995

RICHARD SHUSTERMAN

Soma und Medien

Eine der erstaunlichen Paradoxien in unserem Zeitalter der neuen Medien ist die erhöhte Aufmerksamkeit auf den Körper. Während die Telekommunikation die körperliche Präsenz unnötig macht, während neue Technologien einer mediatisierten Körperkonstruktion und die plastische Cyborg-Chirurgie die Präsenz selbst des realen Körpers herausfordern, scheint unsere Kultur immer mehr vom Soma in Bann geschlagen zu werden, dem sie mit jener anbetenden Ergebenheit dient, die man einst den geheiligten Trugbildern entgegengebracht hat. In der postmodernen Stadtkultur gedeihen Sport- und Fitnesszentren und ersetzen weitgehend sowohl die Kirche als auch das Museum als jene bevorzugten Orte, an denen man Richtlinien zur Selbstverbesserung erhält und wohin man in seiner Freizeit aus Pflicht gegenüber sich selbst gehen sollte, selbst wenn dies Mühen und Beschwernisse mit sich bringt. Immer mehr Geld, Zeit und Mühen werden in Kosmetik, Diätik und plastische Chirurgie investiert. Trotz der medialen Immaterialisierung scheinen die Körper wichtiger zu werden.

Die Werbebilder in den Medien von gut aussehenden Körpern haben dieses Interesse teilweise, aber nicht gänzlich entstehen lassen, denn ein großer Anteil am Körperinteresse richtet sich überhaupt nicht, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe1, auf die Schönheit der Erscheinung, sondern auf die Qualität unmittelbarer Erfahrung: das durch Endorphine verstärkte Glühen der kardiovaskulären Tätigkeit, die allmählich genüßlich werdende Bewußtheit beim kontrollierten, langsameren Atmen, die prickelnde Erregung, wenn man sich in neue Bereiche seines Rückgrates hineinfühlt. Die Suche nach solchen gesteigerten Körpererfahrungen wird normalerweise als das eigentliche Gegenteil des Medienkonsums im Stil der couch-potato dargestellt und gefeiert, als ein Mittel gegen die medieninduzierte Passivität. Eine…

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