Kommentar · S. 427
Kommentar , 1989

Dienstreise nach Prinzendorf

Karlheinz Schmid zur Nitsch-Ablehnung

Ich war in Prinzendorf, damals im Sommer 1975, als Hermann Nitsch, der österreichische Aktionskünstler, sein 24-Stunden-Spiel veranstaltete. Eine Konfrontation mit Geburt und Tod, eine Strapaze für die Sinne, vor allem eine Begegnung mit einem erweiterten Kunstbegriff. Ebenso irritiert wie glücklich fuhr ich nach Hause. Neun Jahre später, im Juli 1984, folgte die 80. Nitsch-Aktion. Wieder war ich in Prinzendorf, diesmal 72 schlaflose Stunden lang und schon weitaus kritischer als in den siebziger Jahren. Das zwischen griechischer Mythologie und christlicher Liturgie angesiedelte „Orgien Mysterien Theater“ schien dort Schwächen zu entwickeln, wo die Partitur reduziert war, der Meister schlief und völlig übernächtigte Akteure und Teilnehmer das gute alte Happening wiederbeleben wollten. Ich schrieb es und wurde von Nitsch schriftlich getadelt: „Von meiner Arbeit haben Sie nichts mitgekriegt, lediglich haben Sie mir kleinlich Defekte vorgerechnet, die uns und mir passiert sind.“

Als Kollege der Kritik mag sich nun, im Herbst 1989, der hessische Wissenschaftsminister Wolfgang Gerhardt darstellen. Er, den ich niemals bei einer Nitsch-Aktion gesehen habe, will wissen, daß „Frauen und Männer zu bloßen Aktionsobjekten werden“. Er, der mit mir weder Wein getrunken noch Blut gerochen hat, der weder die aufgehende Prinzendorfer Sonne noch das kollektive Maischen gesehen hat, glaubt beurteilen zu können, daß Hermann Nitsch „das Problem des Humanum unbearbeitet zurückläßt“. Humanum? Was will uns der Minister sagen? Jedenfalls ist Wolfgang Gerhardt der Meinung, daß Nitsch ein „Anhänger und Jünger erheischendes Konzept“ habe, daß es sich „im wesentlichen um einen ständig wiederholten begrenzten Ansatz interdisziplinärer künstlerischer Arbeit“ handele….

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