Magazin: Kulturpolitik , 1994

Nils Röller

Eine neue »Idee Venedig«

Das „schöne Gegengewicht der Welt“ hat der Dichter Rainer Maria Rilke Venedig genannt und das hat heute eine politische Bedeutung. Während in der römischen Regierung Faschisten mitentscheiden dürfen, regiert in Venedig ein progressiver Bürgermeister, der Philosoph Massimo Cacciari. Doch die herkömmlichen Orientierungsmuster verlieren ihren Wert, wenn man die Kulturpolitik betrachtet, mit der der neue Bürgermeister seit Dezember 1993 über die Schätze der Lagunenstadt regiert. Cacciari, dessen philosophische Texte ein Venedig ersinnen, das sich unabhängig von der touristischen Betriebsamkeit als Kulturhauptstadt der Stille behaupten könnte, ist als Bürgermeister Realpolitiker. Er verzettelt sich nicht in plakativen Bekenntnissen zur Gemeinnützigkeit, sondern baut Venedig zu einem Unternehmen der Kulturindustrie um, das mit seinen Gewinnen neue Kultur fördern soll. Deshalb hat er den Wirtschaftswissenschaftler Gianfranco Mossetto in das Kulturamt der Komune berufen. Mossetto hat im April ein Projekt zur Neuorganiserung des musealen Angebotes in Venedig vorgestellt. Ein Ziel des Projektes ist es, die mehr als sechs Millionen Besucher, die jährlich auf den Markusplatz strömen, durch gezielte Ausstellungsangebote zu lenken. Dazu wird der Bereich am Markusplatz in eine einheitliche museale Struktur umgewandelt und im Zuge dessen werden die Sonderausstellungen, die derzeit den Touristenandrang auf den Platz noch zusätzlich verstärken, an die Punta della Dogana verlagert. Die Giardini der Biennale werden ganzjährig geöffnet und sollen zukünftig als Experimentierfeld mit Ausstellungen zeitgenössischer Kunst Besucher aus dem Zentrum locken. Dort wird auch in den Räumen des italienischen Pavillons ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst angesiedelt. Hinter diesen Planungen steht nach Gianfranco Mossetto* folgendes: „Die…

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