Magazin: Publikationen · von Stefan Römer · S. 509
Magazin: Publikationen , 1996

Ende mit der Agonie der Hyperrealität?

Jean Baudrillard: Das perfekte Verbrechen

Die perfekten Verbrechen sind die, die nicht entdeckt und somit eigentlich nicht existent sind. Deshalb kann über das perfekte Verbrechen nur theoretisiert werden. Das Ideal ist eine Idee und jede Realisation eine Lüge. Soweit geht Jean Baudrillards Platonismus in seinem neuen Werk »Das perfekte Verbrechen«, wenn er schreibt: »Für die Idee gibt es keine Möglichkeit, sie selbst zu sein… Alles, was sich realisiert, tut es gegen seinen eigenen Begriff.« (S. 111)

Doch was kann der Meister des Trugbildes Neues vorlegen, was er nicht schon in seiner Theorie von der »Agonie des Realen« vor genau 20 Jahren verkündete? Es geht ihm immer noch um den Tod der Realität und den Verlust eindeutiger Urteile. Aus den Vorlesungen bei Henri Lefebvre über die Probleme des Alltagslebens hatte er andere Schlüsse gezogen als sein Kommilitone Guy Debord. Dieser sah schon seit Mitte der 60er Jahre die »Gesellschaft des Spektakels« von der reinen Inszenierung und ihren Kapitalinteressen dominiert. Baudrillards Kritik des Zeichens, der Werte und eines solchen Marxismus fiel nach der gescheiterten 68er-Revolte auf den Boden der konservativen Wende des Vergessens. Seine Interpretation, daß zu Zeiten der elektronischen Massenkommunikation Ereignisse nur noch vermittelt sind, und für die Zuschauer keine Eingriffsmöglichkeit in die Realität mehr besteht, war generell bereits ein Allgemeinplatz. Aber er forderte entgegen den aufklärerischen, linken Theoretikern keine Umkehrung dieses Prozesses durch Demokratisierung, sondern ein Auf-die-Spitze-Treiben durch negative Affirmation. Baudrillard entwickelte einen Intellektualismus, der sich aus den Ängsten des von ihm als Klasse verleugneten Bürgertums speist…

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