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Titel: Konstruktionen des Erinnerns · von Peter Suter · S. 252 - 253
Titel: Konstruktionen des Erinnerns , 1994

Peter Suter

Früher und später
Bilderpaare als Verwandtschaftsproben II

Hans Emmegger, „Frühling“, 1904. Bei der Schneeschmelze im Frühjahr ist eine graue Bretterhütte ins Rutschen geraten und liegt jetzt wie Strandgut auf dem grünen Hügelabhang. Das Land zieht in ausgewaschenen grünen und braunen Streifen durch die öde Gegend, und die Frühlingswinde blasen blaue Bahnen in die Wolkendecke. Wie nasse Tücher liegt die Vegetation am Boden, und was sich als Busch erheben will, schmiegt sich an die Flanken der Hügel, Schutz suchend vor der Weite des Himmels.

Die Bezeichnung „Landstrich“ findet hier seine angemessene Verwendung. Die Landschaft wirkt wie über die Erdoberfläche ausgestrichener Algenschlamm, und so kommt den auf die Leinwand gestrichenen Farben eine doppelte Bedeutung zu: Sie scheinen die Natur nicht bloß ab-, sondern auch nachzubilden.

Dargestellt ist eine Landschaft in der Umgebung der Stadt Zug, aber sie wirkt auffallend unschweizerisch, anders als bisher schweizerische Landschaft in der Malerei gesehen worden war. Die Menschenleere im Bild hat die Trostlosigkeit einer von der Sintflut gesäuberten Welt. Emmenegger hatte wenige Jahre zuvor von Dinosaueriern bewohnte Urlaubslandschaften gemalt. Er interessierte sich für die Unverbrauchtheit früher erdgeschichtlicher Zustände. In „Frühlingsbild“ scheint ein solcher Zustand wiederhergestellt: Alles ist auf einfachste Strukturen reduziert, als seien erst gerade Licht und Finsternis, Himmel, Wasser und Erde voneinander geschieden worden.

Hier bläst nicht bloß ein launischer einheimischer Föhn über das Land, sondern ein unablässiger Wind aus dem All. Die Streifenlandschaft ist wie eine in diesem Wind wehende Fahne, ist voller Bewegung. Hier dreht sich die Welt, und die Schatten der Wolken fliehen über die Hügel…

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