Titel: Konstruktionen des Erinnerns · von Bazon Brock · S. 254
Titel: Konstruktionen des Erinnerns , 1994

4. Kontinuität, Differenz, Selbstreferenz

Erinnern als Erfahrung von Wirklichkeit

Von Bazon Brock

Tendenz der Evolution ist es, Formationen des Lebens immer unabhängiger vom Reaktionschaos des Anorganischen werden zu lassen. Das Zentralnervensystem (ZNS) des Menschen gilt als die bisher höchste Ausformung dieser Tendenz. Eine entscheidende Rolle bei dessen Entwicklung spielte die Organisation des ZNS als symbolische Form der Beziehung von Organismus und Umwelt bzw. der Implementierung dieser Differenz in die Funktionsweisen des ZNS. Diese Differenz fasste Rothschild (1935 ff.) als Symbol. Der erste grosse Schritt der Symbolisierungsleistung war die Ermöglichung von Selbstbezüglichkeit des Organismus im Erleben. Rothschilds These: Die Entwicklung jeweils neuer, selbständiger, innerer und äusserer Symbolsysteme* erspart der Evolution von einer gewissen Stufe ab die enorm aufwendigen Umbauten des ZNS, um dessen Leistung zu steigern.

Mit der Beziehung verschiedener Symbolsysteme des ZNS aufeinander, die als Simulation und als Virtualität organismischer Lebensäusserungen in Erscheinung treten, wird das Rechnen mit einer ausserorganismischen Realität notwendig, d.h., die neokortikalen Leistungszentren des ZNS arbeiten mit Differenzabgleich (siehe Entdeckung der Disparitätszellen) verschiedener Symbolisierungen, anstatt mit Identifizierung des Organismus und seiner Umwelt, wie das noch auf der frühen Ebene der Zwischenhirnsteuerung der Fall ist. Da hat jeder Organismus seine Umwelt, weil er in sie vollständig eingeschlossen ist. (Insofern müsste man die radikalen Konstruktivisten als Zwischenhirnhypostatiker ansprechen.)

Symbolsysteme zu gebrauchen, erfordert die Fähigkeit zur Wiederholung – unabhängig von den limbischen Regulativen (Lust und Unlust). Ein Typus solcher Wiederholung entsteht mit der Fähigkeit zur Erinnerung. Im Unterschied zur Wiederholung durch einmalige Prägung sind Erinnerungen lose, plastische Koppelungen von Teilen der unterschiedlichen Symbolisierungen, sind also…

Kostenfrei anmelden und weiterlesen:

  • 3 Artikel aus dem Archiv und regelmäßig viele weitere Artikel kostenfrei lesen
  • Den KUNSTFORUM-Newsletter erhalten: Artikelempfehlungen, wöchentlichen Kunstnachrichten, besonderen Angeboten uvm, jederzeit abbestellbar
  • Exklusive Merklisten-Funktion nutzen
  • dauerhaft kostenfrei

L_Test-Zugang