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Titel: Konstruktionen des Erinnerns · von Siegfried J. Schmidt · S. 245 - 249
Titel: Konstruktionen des Erinnerns , 1994

4. Kontinuität, Differenz, Selstreferenz
Gedächtnis Erinnern Vergessen

Von Siegfried J. Schmidt

Hat das Thema Gedächtnis Konjunktur, weil Fortschrittsutopien und Geschichtsphilosophien ausgedient haben? Ist unsere längst pluralisierte Kultur nur im Gedächtnis oder als Gedächtnis verfügbar? Haben traditionelle Modelle von Erinnern und Vergessen ausgedient angesichts zunehmender Medialisierung öffentlicher Kommunikation und Datenbanken? Muß nicht, wer über Gedächtnis und Erinnern spricht, auch über Wahrnehmung und Lernen, über Wissen und Wiedererkennen, über Zeit und Erinnern, über Aufmerksamkeit und Gefühl reden? Was wissen wir aber bis heute über Architektur und Funktion des Gedächtnisses? Reichen unsere Alltagsintuitionen hin, um so weitreichende (Hypo) Thesen aufzustellen, wie sie heute im Diskurs über Gedächtnis und Erinnern anzutreffen sind?

1. Erinnern: Wiedererkennen ohne Objekt

G. Rusch hat die Hypothese aufgestellt, daß Erinnerungen als Bewußtseinsphänomene offenbar Wahrnehmungen ähneln, allerdings einem Typ von Wahrnehmungen, deren Synthese nicht unmittelbar mit sensorischen Stimulationen verrechnet werden kann: „Sie ähneln dem ‚Wiedererkennen‘ mit der Einschränkung, daß entsprechende sensorische Stimulationen und bestimmte charakteristische Kontexte sinnlicher Wahrnehmung fehlen. Sie sind ein Wiedererkennen ohne Objekt“ (s. Literaturangaben: Rush, 1987: 347).

Damit wird die Frage nach einer möglichen Konzeptualisierung von Erinnerung zunächst einmal auf eine Klärung des Wahrnehmungskonzepts verlagert. Und hier sind sowohl neurobiologische als auch kulturtheoretische Aspekte einschlägig.

Die zu Netzwerken zusammengeschlossenen Neuronen unseres Gehirns befinden sich in ständiger Aktivität, die zwar sensomotorisch modifiziert, aber nicht in Gang gesetzt wird. Komplexe Nervensysteme wie die menschlichen vernetzen cortikale, sensorische und motorische Prozesse und können auf diese Weise dauerhaft angelegte Wege für Erregungsverläufe und Erregungsausbreitungen in den Nervennetzen bahnen.1 Solche durch Lernprozesse gebahnten Wege bestehen als dauerhafte Eigenschaften…


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von Siegfried J. Schmidt

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