Kommentar · von Amine Haase · S. 473
Kommentar , 1993

Amine Haase

Gewöhnung an Grenzenlosigkeit

Das Koons-Syndrom: Bewusstlosigkeit nach Drogenkonsum

Die Kunstwelt ist demokratisch, die Freiheit ist grenzenlos, jeder kann malen, wozu er Lust hat, wie er Lust hat – aber gleichzeitig ist da das Gefühl der Sinnlosigkeit, das Bedürfnis nach einem, der kommt und endlich Sinn stiftet.“ Erkenntnisse und Träumereien, eng aneinander geschnitten – wie bei MTV, seinem großen Vorbild. („Ich will genauso schnell und frisch sein.“) Ein Alptraum, denn die Zitate stammen von Jeff Koons (in einem Interview der Süddeutschen Zeitung/ Magazin), der weiter sagt: „Okay, wenn ihr folgen wollt, warum nicht mir?“ Ein Sinnstifter, für den Kunst gleich Kommunikation ist. Kommunikation schneller als der schnellste TV-Spot, platter als die platteste Talk-Show, vor allem aber: wirklicher als die wirklichste „reality“. Kunst im Medienzeitalter, so wie wohl nur ein Bewohner des Planeten mit fast hundert Fernsehkanälen sie machen kann – ein Amerikaner, Jahrgang 1955. Allerdings kann man die Koons- Beiträge nicht per Knopfdruck ausschalten. Wie Werbebilder fallen sie uns ins Auge, verkleben das Hirn und rotieren dort wie die gängigen Publicity-Slogans – nicht immer, aber immer öfter. Eine Droge, die Bewußtlosigkeit zur Folge hat.

Bei der ganzen Kampagne ist kaum zu merken, daß die Rollen längst vertauscht sind: Koons führt nicht Kunst vor, sondern uns – die Galeristen und die Galeriebesucher, die Museumsleute und die Kritiker, die Verleger und die Leser, die Verkäufer und die Sammler. Er ist der Champion, wir sind die Gaffer. Immerhin wissen wir, was wir da anstarren: Art, made in America, so faszinierend wie eine Seifenblase. Und wie der…

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