Titel: Das Neue Ausstellen II , 2008

DAS NEUE AUSSTELLEN II

Maren Ziese 1

Gott zwischen Kreuz und Konstruktion

Vier Religions-Ausstellungen: „Gott sehen“ (Wilhelmshaven), „Gott sehen“ (Ittingen), „Warum! Bilder diesseits und jenseits des Menschen“ (Berlin) und „Choosing my Religion“ (Thun)

Ich habe Gott nicht gesehen!“, notierte ein Besucher im Gästebuch der Ausstellung „Gott sehen. Das Überirdische als Thema der zeitgenössischen Kunst“ im Kunstmuseum Thurgau in der Schweiz. Mehrere Interpretationen des Satzes sind möglich. Er könnte als ironischer Kommentar zum Titel der Ausstellung gedeutet werden. Der Besucher, so ließe sich darüber hinaus schlussfolgern, nahm an, dass es möglich sei, „Gott“ im Ausstellungsraum zu begegnen. Die Äußerung ließe sich aber auch als Beschwerde an die Kuratorin Dorothee Messmer lesen, ihm die gewünschte „Gottesschau“ nicht verschafft zu haben.2 Die Interpretation suggeriert, dass es möglich sei, „Gott“ mit inszenatorischen Mitteln zu zeigen, ihm oder es mittels der passenden Präsentation im Ausstellungsraum zu begegnen. Kuratoren als Zeigende, als Vermittler, gar als „Priester“?

Wie haben die Kuratoren Religion gezeigt?

Die Vorstellung, dass Kuratoren mit besonderen Fähigkeiten zur Objektpräsentation, Ausdeutung von Gegenständen und Erzeugung von Atmosphäre ausgestattet sind, schreibt den Ausstellungsmachern einen besonderen Status zu. Diese Idee setzt voraus, dass es ein unwissendes Gegenüber gibt, den Kunstlaien, dem etwas offenbart und enthüllt werden muss. Wolfgang Ullrich vergleicht das Verhältnis von Kurator und Betrachter mit dem von Priester und Laien in der katholischen Kirche.3 Die protestantische Vermittlungsvariante wäre, dass es nicht die zentrale Figur eines Priesters gibt, sondern alle Menschen gleichermaßen berechtigt sind, die Exponate zu sehen und zu interpretieren.

Über Glauben, Religion und Künstlergötter ist in den letzten Jahren viel geschrieben…

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