Titel: Redefreiheit · von Raimar Stange · S. 60
Titel: Redefreiheit , 2012

Raimar Stange

Ich bin so frei?

Redefreiheit im Spiegel performativer Installationen

Performative Installationen zeichnen sich angeblich dadurch aus, dass der Rezipient bei ihnen nicht nur bloßer Zuschauer ist, sondern sich aktiv, quasi „mitredend“, an ihrer Struktur beteiligen kann. Was aber, wenn diese Beteiligungen sich als nur vermeintliche, als blockierte und vorgetäuschte Interaktionen erweisen? Vielleicht reflektieren performative Installationen ja gerade dann, gewissermaßen in ihrem Scheitern, den gesellschaftlichen Status quo von Redefreiheit.

I. Vorrede

Eine der wohl einfachsten Formen der Interaktivität stellt heute scheinbar das Benutzen einer Verkehrsampel dar: Man drückt auf einen Schalter und einige Sekunden später wechselt prompt das Licht von Rot zu Grün. Doch selbst diese simple Form der Bürger beteiligenden Interaktivität ist in den großen deutschen Städten, zum Beispiel in Hamburg und Berlin, eine Schimäre, denn die vermeintlich zu drückenden Schalter sind längst Attrappen. Die Ampeln werden also nicht mehr von ihnen und damit von den sie interaktiv benutzenden BürgerInnen gesteuert, sondern zentral von einem Großrechner der Stadt. Signifikant wird dieses Zeitbild zudem dadurch, dass immer mehr Passanten die Zeichen der Ampeln nicht mehr beachten, sie gehen als neoliberale „Regelverachter“ auch bei Rot über die Straße,1 wenn es ihnen nur ungefährlich genug erscheint. Schon Bazon Brock schrieb in diesem Zusammenhang: „Wer Verkehrsampeln für Repressionsorgane hält und demzufolge bei Rot über die Straße geht, hat nicht gelernt, notwendigen von nicht notwendigen Zwang zu unterscheiden.“2 So ist das vermeintlich interaktive und demokratisch verabredete System „Ampel“ inzwischen auf ganzer Linie beiderseitig zusammengebrochen.

Was aber haben diese Überlegungen zum Status quo von Interaktivität mit Redefreiheit zu tun? Nun:…

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