Titel: Zeichnen zur Zeit V · von Reinhard Ermen · S. 212
Titel: Zeichnen zur Zeit V , 2012

Reinhard Ermen

Karin Sander

Klassische Zeichnungen sind das nicht. Man muss schon eine Weile hinsehen, bis klar wird, dass Karin Sander in dieser Serie zwischen 1991 und 98 mit Materialien des Büroalltags gearbeitet hat, also mit dem, was ein Locher an buntem Flitter hergibt, mit Kopierstiften, mit Filz- und Kugelschreibern, vor allen Dingen mit Heftklammern, die sich wie Anker der Konkretion in diesen Blättern (selbstverständlich DIN A-4) eingraben. So genormt und durchaus beschränkt die Materialstrategie erscheint, so offen ist das Ergebnis, bis hin zum Eindruck von Klassizität, sprich der Anmutung von abstrakter, auch heiterer Souveränität; die produktive Irritation einer armen Kunst mit eingeschlossen. Die eiserne Vorgabe der Konzeptualistin schließt Transzendenz nicht aus, manchmal ist sie geradezu unvermeidlich, wenn Sander 1998 in der Stiftung für Konkrete Kunst in Reutlingen 770 Blätter mit „Haarzeichnungen“. 80 Freunde und Bekannte hatte sie um je 10 Haare (ausgerissen bitte und nicht abgeschnitten) gebeten. Die lässt sie jeweils auf ein Papier fallen, es entsteht eine ausgesprochen individuelle Lineatur, mit haarfeinen aber deutlichen Unterschieden, ein leiser Auftritt von annährend acht Hundertschaften und gleichzeitig ein kollektives Psychogramm, dessen Ereigniss sichtbar, ja fühlbar ist, aber keinesfalls nachgerechnet werden kann. Denn das ist das Aufregende an dieser Vorgehensweise: Karin Sander entdeckt für sich ein Umfeld, einen gesellschaftlichen Raum und dessen typische Requisiten (es darf ruhig von Fundstücken gesprochen werden), sie entwirft ein Verfahren mit gelegentlich rigiden Gesetzmäßigkeiten und heraus kommt ein Ergebnis, dem im besten Falle so etwas wie Poesie eignet. Aber nur weil sie auf der einen Seite so streng, besser: konzentriert vorgeht, nur deshalb entsteht auf der anderen Seite Klarheit, als Form ästhetischer Unbedingtheit, für die der noble Begriff der Transzendenz eben schon bemüht wurde.

Zeichnung und ihr verwandte Techniken ist eine unter vielen Vorgehensweisen, aber möglicherweise taucht sie immer mal wieder auf, weil ihre (natürliche) Reinheit in das Konzept passt. Es geht um Abbilder, um gesellschaftliche Gruppenporträts, Karin Sander tastet dafür den in Frage kommenden Aktionsraum sozusagen ab. Im Gespräch mit Harald Wälzer fällt in diesem Zusammenhang der Terminus vom „Sichtbarmachen“. Das dafür angestrengte, bzw. entwickelte Verfahren ergibt eine Zuspitzung der ursprünglichen Realitäten, ohne dass ein zuvor formuliertes Ziel die Richtung vorgibt; heraus kommt eine Art Konzentrat von erstaunlicher Plausibilität, – so könnte man ihre ‚Poetik’ vielleicht zusammenfassen. Zum Teil sind das sich selbst reflektierende Kreisläufe, die diesen anderen Aggregatzustand geradezu produzieren. XML-SVG. Quellcode/Source Code war so ein Projekt. Die Quellcodes, die für Computergestützte Architekturentwürfe das nahezu perfekte (simulierte) Bild ergeben, basieren auf einer schier unendlichen Folge von Steuerbefehlen, die als Zahlen, Worte und Interpunktionen hinter dem Ergebnis stehen; wenn man so will, als eine Art inoffizielle Kommandoebene, die der Normalmensch, auch der, der damit arbeitet, eigentlich nicht zur Kenntnis nimmt. Ausgeschrieben ergibt sich ein babylonisches Zeichengewirr, das in Reih und Glied auftritt. 2010 lässt Sander mit den entsprechenden Quellcodes, die Räume beschriften, die dargestellt werden sollen, in Otterndorf, Bayreuth, Duisburg und Wien. Mehr geschieht nicht. Wirklichkeit und in Zeichen (warum nicht: In Zeichnung) übersetzte Möglichkeit kommen zur Deckung. Es steht 1 : 1, dazwischen tut sich eine mediale Diskursplattform auf. In einem ganz anderen Aggregatzustand löst sie 1996 die Ausstellungsräume der Galerie Nächst St. Stefan in Wien auf. Als Frottagen auf DIN A-4 Blättern, findet sich der gesamte Raum in zwei mächtigen Folianten wieder. Das ist eine fast schon ironische auch skulpturale Form der Ablage, in die sich jede Krümmung der Bohlen oder der Rauhfaser als gefühlvolle Geste eingegraben hat.

Auch die von Karin Sander ständig weiterentwickelten Techniken der 3D Bodyscans wollen abtasten um sichtbar zu machen, nur dass in diesem Fall ein anderes Medium zum tragen kommt. Eine individuelle Handschrift alter Schule ist nicht gefragt, vielmehr ein originelles Konzept, das gelegentlich nur unter Mithilfe der Betroffenen realisierbar ist. Die Künstlerin organisiert den einen Weg, den Transport einer Situation, einer Tatsache in das neue ästhetische Dasein. Dass dabei schon relativ früh lineare Zeigetechniken zum Tragen kamen, belegen Sanders Raumlinien von 1989/90. Die Graphitlinie teilt nicht nur die Wand in ihre Segmente, sie erweist sich nach einiger Zeit als Markierung einer neuen Ebene, die sich als als Schnitt formuliert, dem die Betrachter fast instinktiv ausweichen.

Karin Sander

*1957 in Bensberg /Nordrhein-Westfalen (D), lebt und arbeitet in Berlin (D) und Zürich (CH). Studium der Freien Kunst und Kunstgeschichte an der Kunstakademie Stuttgart (D) und am I.S.P., Independent Study / Studio Program, I.S.P. Whitney Museum, New York (USA). DAAD Stipendium, New York (USA), Kunstfonds Bonn (D), Villa Romana Preis, Florenz (I), Cité Internationale des Arts, Paris (F), Akademie Schloss Solitude, Stuttgart (D), Hans-Thoma-Preis, Baden-Württemberg (D).

Ausstellungen (Auswahl)

2011 NBK Berlin; Y8 Hamburg; Labor, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf; 2010 Kunstmuseum St. Gallen; Gallery Friedrich Petzel, New York; Salomon R. Guggenheim Museum, New York; 2005 Staatsgalerie Stuttgart; 1997 Skulptur.Projekte, Münster; 1994 Biennale Istanbul

Sammlungen (Auswahl)

u. a. The Museum of Modern Art, New York und San Francisco (USA); The Metropolitain Museum, New York (USA); Museum Abteiberg, Mönchengladbach (D); Centro Galego de Arte Contemporanea, Santiago di Compostela (E); Kunstmuseum und Staatsgalerie Stuttgart (D); Nationalmuseum Osaka (JPN); Kunstmuseum St. Gallen (CH); Sammlung Deutsche Bank, Hirschhorn Museum, Washington DC (USA).

Bibliographie (Auswahl)

Karin Sander, Monografie, Hrsg. Marius Babias, nbk (Neuer Berliner Kunstverein), Verlag der Buchhandlung Walther König, 2012; Karin Sander, „Gebrauchsbilder“ Monographie, Kunstmuseum St. Gallen, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Verlag für moderne Kunst, 2011; Karin Sander, Monografie, Hrsg. Gudrun Inboden, Staatsgalerie Stuttgart, Hatje Cantz, Stuttgart 2002; Karin Sander. „wordsearch“, in Zusammenarbeit mit der New York Times und der Deutschen Bank in der Serie Moment,Hrsg. Deutsche Bank, Frankfurt am Main 2002; Skulptur. Projekte Münster 1997, Hatje Cantz, Stuttgart 1997; Sculpture Today, Phaidon, New York 2007.

www.karinsander.de