Titel: Zeichnen zur Zeit V · von Reinhard Ermen · S. 180
Titel: Zeichnen zur Zeit V , 2012

Reinhard Ermen

Tomma Abts

Wenn die Bilder von Tomma Abts mit etwas beschäftigt sind, dann mit nichts anderem als mit sich. Möglicherweise handelt es sich um Selbstläufer; einmal in Bewegung gesetzt, wächst in gut 50 Schichten eine Entscheidung aus der anderen, bis alle Optionen zu einem relativen Ausgleich gelangen. Suzanne Hudson spricht in diesem Zusammenhang vom „Geben und Nehmen“. Das ornamentale Gebaren, das sich dabei formuliert und immer wieder korrigiert, kanalisiert die hier versammelten immanenten Seinsfragen, die Malerin antwortet auf die die Faktizität der gemalten Farbe. Vielleicht lässt sich Tomma Abts von der innerbildlichen Dialektik sogar überrollen, jedenfalls kann das manchmal lange dauern, wer genau hinsieht, mag ahnen, wie riskant sich der Arbeitsprozess gelegentlich am Abgrund des Scheiterns bewegt. „Ich hätte nichts dagegen, wenn ich schneller wäre“, sagt sie im Vorfeld des Turner Preises 2006 zu Sarah Thornton: „Manchmal brauche ich für ein Bild fünf Jahre, manchmal zwei. Kürzlich bin ich mit einem fertig geworden, das ich vor 10 Jahren angefangen habe.“ Davon zeugen Übermalungen, harte Schnitte in weichen Kurven oder umgelenkte, höchst diskrete Malbewegungen. Die Leinwand wird partiell schon mal freigelegt, so dass uralte, auch malträtierte Regenbogenstrukturen sichtbar werden. Man könnte sich an die Durchführungsabenteuer einer Sinfonie von Haydn erinnert fühlen, wo Sackgassen, unerwartete harmonische Farbwechsel oder Trugschlüsse das akustische Material modellieren. Achtung, Achtung: Der Schein trügt! Im Zustand der endlich zur Ruhe gekommenen Arbeit zeigt sich bei Tomma Abts eine Malerei der schönen Schmerzen und der autonomen Selbstreferentialität, der Prozess und das Ergebnis sind versöhnt, aber unter den Oberfläche scheint es noch zu rumoren. Gegen die Konkretheit des dabei zustande gekommenen Reliefs arbeitet Abts durch die Führungen, bzw. das Einfädeln der Farbwege, die ihr eigenes Oben und Unten oder Früher und Später austragen. Ein durchaus illusionistisches Moment kommt dadurch hinzu, dass einzelne Elemente zuweilen Schatten werfen. Wie ironische Echos schmiegen sie sich an ihre Vorgaben und verpassen dem Gefüge nicht nur den Anschein von Räumlichkeit, sondern einen ganz eigensinnigen Realismus.

2011 zeigte sie in der Düsseldorfer Kunsthalle neben 10 Gemälden ihres verbindlichen Standardformats von 48 x 38 cm auch 17 Zeichnungen im analogen Kammerformat von 29,7 x 21,00 cm. Im Vergleich zur Malerei gewähren die Papierarbeiten etwas mehr Einblick in einen Teilbereich ihrer Arbeit. Das liegt in der Natur des Mediums und seiner angeborenen Offenheit. Die graziösen Findungen der Tomma Abts fallen entschiedener ins Auge. Wo hat sie das her, wie kommt sie darauf? Es geht um Einfälle, Übungen, Versuche; anders gesagt: Die Zeichnungen sind ihre Essays und damit ein paralleler Kosmos zu der Malerei. Ein Hinweis von Magdalena Holzhey ist auf der richtigen Spur, „die Zeichnung folge einer Logik des Lesens“ definiert sie mit Hilfe von Walter Benjamin. Unabhängig davon, dass auch die Malerei von Abts angemessen gelesen werden will, so liegt ihr formales Vokabular hier gleichsam unter dem Vergrößerungsglas oder gestattet Röntgenblicke. Die Blätter widmen sich Details, sie porträtieren Einzelbewegungen, Augenblicke, Versatzstücke auch Stolpersteine oder Dispositionen. Fenster gehen auf. Die Räumlichkeit, die Schatten, die Bögen und Spitzen, die freihändige Gotik der Architektur macht ihre ersten Schritte. Abts montiert mit Tinte, Filzer, Bleistift oder Schere, sie schiebt Formen und Ebenen gegeneinander, das Bild entsteht im Dialog mit möglichen Fügungen von Gesten und Umgebungen. Neben diesen (Düsseldorfer) Einzelblättern arbeitet sie auch an größer dimensionierten Serien, in denen eine Hinsicht, wenn man so will: eine Bautechnik über mehrere Blätter gleichsam in exemplarischen Stationen ausgebreitet wird, so dass der Eindruck entstehen kann, sie dekliniere die Schichten, bzw. deren Syntax vor aller Augen durch. Das formale, konstruktive Vokabular unterscheidet sich deutlich von den Einzelgängern!

Die Macht der Konzentration, ja, das geradezu obsessive Durchhaltevermögen fasziniert. Auch in den langwierigsten Arbeitsprozessen entgleiten Tomma Abts die Fäden nicht. Möglicherweise sind das auch Paradigmen einer anderen Nachhaltigkeit. Es gelingt das Bild, das den Blicken keine Vorschriften macht und sie trotzdem lenkt, zu bauen. Auch geht keinesfalls ein Schweigegebot von diesen Bildern aus, sei es nun Malerei oder Zeichnung. Gesucht wird freilich eine Sprache für den hier versammelten Eigensinn; Verbalisieren hilft indessen beim SichVergewissern, die dabei aufkommenden Spekulationen werden fundiert geleitet, die Betrachter nehmen teil an einem autonomen Spiel von Sein und Nichtsein. Die Spuren sind gelegt, die Resultate zieht jeder für sich.

Tomma Abts

*1967 Kiel, lebt und arbeitet in London. 1989 – 1995 Hochschule der Künste Berlin. Preise und Stipendien 1995 DAAD Stipendium für London; 1995 – 1996 NaFöG-Stipendium Berlin; 2004 The Paul Hamlyn Foundation Award, UK; 2006 Turner-Prize, UK

Einzelausstellungen (Auswahl)

2011 Kunsthalle Düsseldorf; greengrassi, London; 2009 Galerie Giti Nourbakhsch, Berlin; 2008 David Zwirner, New York; Hammer Museum, Los Angeles; New Museum of Contemporyry Art, New York; 2006 Galerie Daniel Buchholz, Köln; Turner Prize, Tate-Btitain, London; 2005 greengrassi, London; Kunsthalle Basel; 2004 „Journal # 7“, Van Abbemuseum, Eindhoven (mit Vincent Fecteau); Galerie Giti Nourbakhsch, Berlin; 2003 The Wrong Gallery, New York; Galerie Daniel Buchholz, Köln; 2002 greengrassi, London; 2001 Galerie Giti Nourbakhsch, Berlin

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2011 „Seeing as a kind of Thinking“, MCA, Chicago; 2009 „Slow Painting“, Museum Morsbroich, Leverkusen; „Quodlibet II“, Galerie Daniel Buchholz, Köln; „Chance and Construction“, Crown Point Press, San Francisco; 2008 „Yes, No & Other Options“, Art Sheffield, S1 Artspace, Sheffield; 2007 Turner Prize: A Retrospective, London und: Moscow Museum of Modern Art und Mori Art Museum, Tokio; 2006 Hyper Design, The Shanghai Biennial; „Axis of Praxis, Midway Contemporary Art, Minneapolis; 2004 „Matisse and Beyond“, The Painting and Sculpture Collection , MoMA, San Francisco; Formalismus. Moderne Kunst Heute, Kunstverein Hamburg; Werke aus der Sammlung Boros, Museum für Neue Kunst/ZKM Karlsruhe

Literatur (Auswahl)

Tomma Abts, Texte von Magdalena Holzhey und Gregor Jansen, Köln (Verlag der Buchhandlung König) 2011; Tomma Abts, Texte von Laura Hoptman und Jan Verwoert, New York (Phaidon) 2010; Suzanne Hudson, The Best-Laid Plans: On Accidentally Not Reeding Tomma Abts, in Parkett 84-2009; Tomma Bts, hrsg. von Daniel Buchholz und Christopher Müller, Texte von Jan Verwoert; Interview mit der Künstlerin von Peter Doig, Köln und London (Buchholz und greengrassi) 2005