Fragen zur Zeit , 2012

Michael Hübl

Rudi, Dame, König, Alle

Demenz als ästhetisches Thema und Symbol gesellschaftlicher Befindlichkeit

Statistisch scheint alles klar: Die Zahl der Demenz-Erkrankungen wächst und ist zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema geworden. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis die fortschreitende Vergesslichkeit zum Gegenstand der Künste werden würde, zumal wenn der neuronale Schrumpfungsprozess mit prominenten Namen verknüpft ist. 1994, fünf Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit als 40. Präsident der USA, gab Ronald Reagan bekannt, dass er unter Alzheimer leidet. In Deutschland richtete sich die Aufmerksamkeit – nicht zuletzt befeuert durch Äußerungen, Berichte oder Statements von Frau und Sohn – vorwiegend auf den protestantischen Theologen Walter Jens, bevor der demente Fußball-Profi Rudi Assauer zum „Star seiner Abschiedsgala“1, einer TV-Dokumentation seines Siechtums, erhoben wurde. Zu den Berühmtheiten, deren beklagenswerter Zustand vom Sog medialer und diesem Fall tatsächlich auch ästhetischer Aufbereitung absorbiert wurde, zählt neben anderen Margret Thatcher, spätere Baroness Thatcher of Kesteven, von 1979 bis 1990 Großbritanniens Premierministerin, und neuerdings Hauptperson des Films „The Iron Lady“ (2011) von Phyllida Lloyd. Der Streifen beginnt mit einer Szene der Kategorie „sic transit gloria mundi“. So vergeht der Ruhm der Welt: Auftritt Meryl Streep in der Rolle der Ex-Politikerin – alt, gebrechlich, leicht verstört. Mochte sie einst wie eine gloriose Jeanne d’Arc der entfesselten Marktwirtschaft und eisernen Prinzipientreue gefeiert worden sein – jetzt hat sie Mühe, sich in einem gewöhnlichen Lebensmittelladen zwischen einfachen Leuten (Feudalherren hätten gesagt: inmitten des Pöbels) zu behaupten.

Literarisch ist die Alzheimersche Krankheit bereits von etlichen Autoren in unterschiedlichen Genres aufbereitet worden….

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von Michael Hübl

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