Ausstellungen: Köln · von Andreas Denk · S. 354
Ausstellungen: Köln , 1994

Andreas Denk

Im Bau

Galerie Sophia Ungers, Köln, 10. – 17.11.1993

Sophia Ungers‘ zukünftiges Galeriehaus in der Schaafenstraße beim Kölner Neumarkt wird schon im Rohbau genutzt: Das schmalhüftige ältere Gebäude ist komplett ausgeräumt, Schalplanken bilden derzeit die Böden, grob abgeschlagene Ziegelmauern mit frisch verlegten Kupferrohren begrenzen die fünf übereinander angeordneten identischen Räume, deren Decken auf dicken Bohlenlagen bereits die noch herabhängenden Kabel für die Elektroinstallation tragen.

Die Galeristin hat im November fünf unmittelbar auf diese Räume bezogene Arbeiten vorgestellt. Drei davon widmen sich den Maßsystemen der Architektur: Martin Gostner hat im Erdgeschoß unter der gelb-orangefarbenen Bohlendecke einen gerafften grünen Vorhangstoff installiert, der – auf eine quadratisch geformte Schiene gezogen – einen eigenen Raum im Raum formuliert: Gegen den länglichen Grundriß der Räumlichkeit setzt Gostner den quadratischen der Vorhangschiene, gegen den längsrechteckigen Quader des Entrees den Kubus des vom Vorhang begrenzten Raums. Die umhängte Fläche wiederum referiert ein Modul der Schalbretter und damit eine zunächst unsichtbare Maßeinheit des Raumes. Mit Hilfe des Vorhangs jedoch verhüllt, „verschleiert“ der Tiroler das extrahierte Modul. Nur im vielfach konnotierbaren Daruntertreten enthüllt sich das Geheimnis des Maßes. Simon Ungers macht mit seiner „Section“ auf weniger doppeldeutige Weise ein Maßsystem sichtbar: In die Mitte seines Raumes hat er entlang der Raumgrenzen vier an den Kanten miteinander verleimte Spanplatten montiert, deren identische Länge belegt, daß der Raumquerschnitt genau quadratisch ist. Das architektonische Modul suggeriert einen in idealen Proportionen konstruierten Raumausschnitt, der in der Komplettierung des Eindrucks eine wiederum ideal gedachte Architektur ergäbe. Die weiße Farbe der Holzmanschette indes entmaterialisiert die Wand als solche und verwischt die Raumgrenzen untereinander – stände man innerhalb eines solchen, hier nur im „Schnitt“ als Andeutung vorgetragenen Raums, löste sich der umgebende Raum gewissermaßen in eine bodenlose und lichte Endlosigkeit auf. Karin Sander arbeitet mit ähnlichen Mitteln, hat sich jedoch der Horizontale angenommen. Die Bensbergerin hat eine zementbeschichtete Holzplattenlage (wie schon 1991 in der New Yorker Galerie S-Bitter-Larkin) so auf Balken montiert, daß sie jeweils 15 Zentimeter von jeder seitlichen Raumbegrenzung entfernt ist. Die große glatte Horizontalfläche scheint knapp oberhalb des eigentlichen Bodens zu schweben. Die Installation fungiert nicht mehr als Paraphrasierung des Fußbodens, sondern wird zur autarken Fläche innerhalb des Raums, der gewissermaßen den von ihm definierten Raumteil herauslöst und einer separaten Betrachtung anheimgibt.

Weitaus pittoresker entwickelt sich die Arbeit von Matthew MacCaslin, der auf einer in unregelmäßig gerundeten Formen zurechtgeschnittenen Plastikfolie kleine Sandhügelchen aufgeschüttet hat. Auf die Sandfläche hat McCaslin eine siebenteilige Lichterkette gelegt. Von peripheren Standpunkten aus belüften drei Drehventilatoren die Szenerie, die mit Baumaterialien eine wüstenähnliche, „warm“ beleuchtete Mikrolandschaft im Raum entstehen läßt, die die armseligen Materialien auf ganz eigene Weise veredelt. Noch poetischer geht Vadim Zakharov vor, der seinen Raum unter dem Titel „Space Travelling in the Walls of the House at the Schaafenstraße 43“ mit gelegentlich in den rohen Backsteinwänden angebrachten Straßsteinchen ausgestattet hat. Aus Knetgummi und Schrauben hat er außerdem einige Käfer gebastelt, die versteckt in Nischen und Einbuchtungen in der Wand untergebracht sind. Nur das im Augenwinkel gelegentlich wahrnehmbare Funkeln verrät den Straß, der in manchen Fällen auf die Verstecke der Käfer hindeutet. Die scheinen innerhalb der Baulichkeit ein gewisses Eigenleben zu führen: Das lustigste Exemplar überwacht mit Hilfe eines vor ihm befindlichen Spiegels den Raumeingang. Die Aufmerksamkeit der Suche nach der Käfer-„Bevölkerung“ verlagert den Blick auf die Struktur der Wand, deren Unebenheiten plötzlich besondere Bedeutung erlangen – zunächst als potentielle „Käferverstecke“, dann als farblich und materiell hochdifferenzierte Struktur an sich. Die kleine Veränderung ist es, die den Blick insgesamt schärft. Sophia Ungers will diese minimalen, aber effektiven „eye-catcher“ erhalten: Sie sollen in den späteren Wandputz des Raums eingearbeitet werden.

Zur Ausstellung wird eine Dokumentation erscheinen.