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Kommentar · von Florian Rötzer · S. 74 - 80
Kommentar , 1994

Ist Geduld eine Tugend?

Ausschweifende Anmerkungen
Von Florian Rötzer

I.

Kürzlich stolperte ich über den Beitrag eines deutschen Professors in einem Katalogband über die Zeit und die Beschleunigung. Der Professor, vermutlich ein Beamter mit entsprechender Rentenaussicht, machte sich da lustig über jene, die brav, geduldig und über Jahrzehnte die oft recht hohen Beiträge zu ihrer Lebensversicherung bezahlen, offensichtlich fest darauf vertrauend, daß sie in 20, 30 oder 40 Jahren in den Genuß ihres aufgehäuften Geldes kommen. Sie betreiben also Daseinsvorsorge unter Einschränkung aktueller Möglichkeiten, das Geld anderweitig auszugeben und so vielleicht etwas mehr Genuß in der Gegenwart zu haben. Sie arbeiten für eine Zukunft, deren Ankunft sie keineswegs beschleunigen, die sie wahrscheinlich am liebsten aufschieben wollen. Der Professor – man merkt schon, der Autor ist keiner – bekennt freimütig und mit ein wenig geschwellter Brust, daß er natürlich keine Lebensversicherung abgeschlossen habe, läßt aber die Leser dieser Bekenntnisse über seine Versicherungsstrategien, wie Kinder, Haus, Grundstücke, Aktien, Erbschaften etc., im dunkeln, da sein Ruhestand, wie man so schön sagt, kraft seines Amtes wohl gesichert ist. Und er fügt als Philologe hinzu, daß er, „obwohl nicht sonderlich fromm, das Projekt, Leben zu versichern, für einen zumindest stilistisch problematischen Frevel hält“. Natürlich, das Leben läßt sich nicht versichern, wohl aber läßt sich Vorsorge für jene Zeit fortgeschrittenen Alters machen, von der man sich vorstellt, sie nicht darbend und als Sozialhilfeempfänger verbringen zu müssen oder dies den Seinen, sofern man früher stirbt, ersparen zu können. Man versichert sich also nicht, wie der Professor meint, „gegen Endlichkeit, Zeit…


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