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Ausstellungen: Stuttgart/Oxford · S. 342 - 343
Ausstellungen: Stuttgart/Oxford , 1991

Sigrid Feeser
John Latham

»Kunst nach der Physik«

Staatsgalerie Stuttgart, 9.3. – 21.4.1991

Museum of Modern Art Oxford, Herbst 1991

Wer zündelt, macht sich meistens unbeliebt. John Lathams öffentliche Bücherverbrennungen im London der sechziger Jahre sind längst Legende. Langfristig angesammeltes Wissen ging in kürzester Zeit in Rauch auf, das sinnfällige „Bild“ wurde verdeckt durch den vermeintlichen Skandal. Richtig berühmt wurde der 1921 geborene Brite 1966, als er Clement Greenbergs umstrittenen Essayband „Art and Culture“ aus der Bibliothek der St. Martin’s School of Art entlieh, die Seiten von Freunden, Schülern und Kritikern tüchtig durchkauen ließ und die breiige Pampe solange chemisch behandelte, bis sie sich verflüssigt hatte. Das Destillat wurde in eine Flasche abgefüllt und in dieser Form zurückgegeben. Die Aktion endete mit einem Rausschmiß, das unscheinbare Köfferchen mit den Reliquien der Handlung, einschließlich der Entlassungsurkunde, befindet sich heute im Besitz des Museum of Modern Art, New York.

Als Paradigmen für den materialistischen, „ausgeglühten“ Charakter unserer Kultur spielen Bücher in John Lathams künstlerischem Haushalt bis heute eine entscheidende Rolle. In der rund vierzig meist großformatige Arbeiten umfassenden Ausstellung, die die Staatsgalerie Stuttgart dem eher scheu und introvertiert wirkenden Künstler zum siebzigsten Geburtstag eingerichtet hat, stellen die seit 1958 entstandenen Buchassemblagen den Löwenanteil. Zersägte, bemalte, angekokelte Bücher, offen oder geschlossen, durch Drähte und Leitungen miteinander verbunden, werden auf meist recht große, plan und unstrukturiert angestrichene Flächen montiert, und zwar so, daß eine lineare Lektüre der Buchfragmente unmöglich, Kommunikation im herkömmlichen Sinn rüde unterbrochen ist.

Natürlich darf niemand die ausgestellten Buchobjekte auch nur mit den Fingerspitzen anrühren. Im Videofilm…


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