Ausstellungen: Oldenburg · von Rainer Unruh · S. 281
Ausstellungen: Oldenburg , 2010

Rainer Unruh

My War

»Partizipation in Kriegszeiten«

Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, Oldenburg, 10.6. – 29.8.2010

Moderne Kriege verwüsten nicht nur Städte und Länder. Sie toben auch in den Medien. Es sind Kämpfe um die Deutungshoheit, und die finden in der Ära des „sekundären Analphabetismus“ (Enzensberger) eher auf dem Feld emotional aufgeladener Bilder statt als auf dem Terrain diskursiver Rationalität. „My War“, ein gemeinsames Projekt von Fact (Liverpool), Tesla (Berlin) und dem Edith-Ruß-Haus für Medienkunst (Oldenburg), knüpft an diesen Befund an.

Der Titel der Ausstellung weckt sowohl Assoziationen an „My Space“, einen der erfolgreichsten virtuellen Plätze im Mitmach-Web 2.0, als auch an die subjektive Perspektive auf das Kriegsgeschehen. Dabei zeigt sich, dass die beste Waffe gegen die Manipulation der Bilder manchmal eine gesteigerte Manipulation sein kann, die Propagandalügen durch Übertreibung ad absurdum führt. So bezieht sich Oliver Laric in seiner Arbeit „Versions“ (2010) auf einen Vorfall im Jahr 2008. Damals hatten die iranischen Revolutionsgarden Fotos von einem mehrfachen Raketenabschuss veröffentlicht. Rasch stellte sich heraus, dass diese Abbildungen ein Fake und die Waffen digital dupliziert worden waren. Daraufhin verspotteten zahlreiche User im Internet die plumpe Fälschung, indem sie die Zahl der Raketen vervielfachten und ihre Flugrichtung umdrehten. Laric hat einige dieser Arbeiten von einem Airbrushkünstler abmalen lassen. Sie erlangen dadurch eine physische Präsenz, die den digitalen Werken abgeht. Wer die Vorgeschichte dieser gemalten Bilder nicht kennt, könnte leicht geneigt sein, sie als Abbildungen der Wirklichkeit zu begreifen.

Wie leicht der erste Eindruck täuschen kann, zeigt auch eine Fotoserie von Milica Tomic. Die Künstlerin geht am helllichten Tag mit einem Gewehr durch das von Passanten bevölkerte Belgrad. Eine Amokläuferin? Eine Terroristin? Weit gefehlt: Die Frau steuert mit ihrer Waffe die Orte an, an denen die jugoslawische Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg den Nazis Paroli bot. Eine Performance, die der historisch-politischen Selbstvergewisserung dient. Zugleich fällt es schwer, die Fotoserie allein auf den Kampf gegen die deutschen Besatzer einzuschränken. Zu frisch sind die Gräueltaten der serbischen Milizen im jugoslawischen Bürgerkrieg noch in Erinnerung.

Wenn es einen gemeinsamen Nenner der zwölf in der Ausstellung vertretenen Künstler und Künstlergruppen gibt, dann liegt der in der Bereitschaft, sich auf die Ambivalenz von Bildern einzulassen. Am weitesten treibt das Spiel mit der unbegrenzten Formbarkeit der Bilder am Computer die Gruppe Knowbotic Research. „huwwara_anybody, looking“ (2010) ist die vielleicht verstörendste Arbeit. Der Anlass, ein reales Ereignis, bei dem die Israelis einem jugendlichen Selbstmordattentäter einen Roboter auf Rädern schickten, mit dessen Hilfe der Palästinenser sich von Sprengstoffgürteln befreien konnte, wird im Kunstwerk zum Ausgangpunkt einer transhumanistischen Utopie. Mensch und Roboter verschmelzen in einer irrealen, schwarzweißen Computerwelt, während auf der gegenüberliegenden Wand die Nachtansicht einer palästinensischen Stadt zu sehen ist. Es ist, als ob sich der Junge, der von den Terroristen wie ein Roboter gesteuert wurde, um sich als lebende Bombe in die Luft zu sprengen, freiwillig entmenschlicht, weil den Zumutungen des Humanen nur noch mit einem Panzer aus Metall zu begegnen sei.

Eine andere Strategie, um die Schrecken der Realität 1.0 mit den Mitteln des Web 2.0 zu kompensieren, zeigt Harun Farocki, der sich einmal mehr als Deutschlands medial reflektiertester Filmemacher präsentiert. Er schildert, wie am Computer generierte virtuelle Welten traumatisierten US-Soldaten helfen. Wenn man schon nicht die Opfer wieder zum Leben erwecken kann, sollen wenigstens die Täter nicht mehr von Schuldgefühlen geplagt werden.

Zur Ausstellung ist im Kehrer Verlag ein Katalog in Deutsch/Englisch mit Texten von Mike Stubbs, Sabine Himmelsbach, Andreas Bröckmann und Heather Corcoran erschienen (111 S., zahlreiche Farbabb., 15 Euro in der Ausstellung)