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Essay · von Vilém Flusser · S. 80 - 83
Essay , 1991

Vilém Flusser
Nächstenliebe

Man kann heute mit einigem Recht von einem dreigeteilten Weltbild sprechen. Ein Triptychon könnte dies wie folgt darstellen: im Mittelteil die Welt, wie wir sie mit dem Auge wahrnehmen, auf dem linken Flügel die Welt, wie sie im Teleskop erscheint, auf dem rechten schließlich die Welt aus der mikroskopischen Perspektive.

Das ist schon allein deshalb eine außerordentlich unbequeme Art der „Weltanschauung“, weil die drei Bilder sich nicht zu einer Gesamtheit verschmelzen lassen. Schon allein aus dem Grunde nicht, als jede der drei Welten ihren ganz eigenen Gesetzen gehorcht und diese nicht ohne weiteres miteinander in Einklang gebracht werden können; vor allem aber, weil jeder dieser Welten ein eigener Zeitbegriff immanent ist. Wenn – wie im folgenden – von der sogenannten telematischen Kultur die Rede sein wird, dann läßt sich die Reflexion über diese „unbequem-dreiteilige“ Weltanschauung leider nicht umgehen.

Versuchen wir einmal, uns in die Zeit Galileo Galileis zurückzuversetzen. Dessen Zeitgenossen hatten die Vorstellung von zwei Welten: einer sublunaren, also einer „unter dem Mond“ gelegenen, sowie einer „über dem Mond“ gelegenen Welt; für die Menschen waren sie miteinander unvergleichbare Ordnungen. Nun waren in der sublunaren Welt die vier sie ausmachenden Elemente in „Unordnung“ geraten. Sollte eigentlich die Erde zuunterst liegen, darüber das Wasser, darüber wiederum die Luft und zuoberst das Feuer, so war doch auch Wasser in der Luft sowie unter der Erdoberfläche (Regen und Quellen) vorhanden, es fand sich Luft im Wasser (Luftblasen) und unter der Erde (Erdbeben). Andererseits konnte Erde in die Luft gelangen – etwa in Form von…


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