Magazin: Publikationen , 1996

New Genre Public Art

Suzanne Lacy (ed.): Mapping the Terrain

Manchmal sind es die einfachen Sätze. In ihrem Aufsatz „An Unfashionable Audience“ macht die Kuratorin Mary Jane Jacob die karge Feststellung, Kunst habe schon Jahrhunderte vor den Museen existiert. Nicht daß man dies nicht gewußt hätte -aber durch die Erwähnung des Sachverhalts werden Perspektiven zurecht gerückt. Perspektiven, die das Nachdenken über Kunst und ihre Möglichkeiten bestimmen. Denn noch ist es so, daß Kunst zum allergrößten Teil durch Institutionen repräsentiert ist. Und es ist noch immer so, daß Kunst, die außerhalb dieser Institutionen stattfindet, Schwierigkeiten hat, überhaupt das Interesse selbst der an Kunst interessierten Öffentlichkeit zu erlangen. Das ist so, obwohl es seit gut einem Viertel Jahrhundert Künstler gibt, die der Intention ihrer Kunstauffassung nach außerhalb von Galerien und Museen, außerhalb der Marktmechanismen der Kunstwelt arbeiten. In der Öffentlichkeit. Öffentliche Kunst.

Was das ist und was es bedeutet und verlangt – das sind Fragen, die der von Suzanne Lacy herausgegebene, auf die USA bezogene Band stellt. Lacy, ein „public artist“, die mit Arbeiten wie „Three Weeks in May“ (1977) oder „The Crystal Quilt“ (1987) bekannt wurde, geht in ihrer Einführung auf unterschiedliche Entwicklungslinien öffentlicher Kunst ein. Insbesondere auf die Veränderungen der Förderungskriterien des National Endowment for the Arts. Durch diese wurde in den sechziger Jahren öffentliche Kunst nur als an öffentlich zugänglichen Plätzen gezeigte Kunst verstanden. Dieses Verständnis änderte sich dahingehend, daß erst verlangt wurde, „site-specific“ zu arbeiten, d. h. auf die jeweilige architektonische Situation des Platzes einzugehen, und schließlich auch die soziale Situation der Anwohner in die Arbeit miteinzubeziehen.

Künstler wie Alan Kaprow und Judy Chicago haben seit den sechziger Jahren außerhalb dieser „offiziellen“ Geschichte öffentliche Kunst gemacht, die auf Engagement für die sozialen Probleme ihrer Umgebung beruht. Das Kriterium Engagement ist es, das Lacy als definitorisch für das „new genre public art“ angibt. So ist klargestellt, daß es abgegrenzt ist, gegen Kunst in der Öffentlichkeit, der grundsätzlich keine andere Intention zugrunde liegt als der konventionellen in Museen gezeigten Kunst: autonomes Werk zu sein eines seine Individualität ausdrückenden Künstlers. Oder wie Suzi Gablik in ihrem Beitrag schreibt: „Autonomy has condemned art to social impotence.“

Daß dieses innerhalb öffentlicher Kunst entwickelte Genre mit sozialem Impetus als neu präsentiert wird, rührt daher, daß seit dem Ende der achtziger Jahre (nicht nur in den USA) eine Welle von Arbeiten entstand, die sich mit sozialen Verhältnissen befassen. Der Grund dafür liegt – wie es Guillermo Gómez Peña in seinem Aufsatz deutlich macht – in einer reaktionären Wende der Politik, durch die ethnische Minderheiten, Frauen, Homosexuelle weiter in Abseits gesellschaftlichen Lebens gedrängt werden. Im „new genre public art“ treten immer mehr Künstler auf, die aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängte Themen zur Sprache bringen und insbesondere aus den öffentlichen Diskussionen Ausgeschlossene sprechen lassen.

Daran ist ein weiteres Kriterium der neuen öffentlichen Kunst geknüpft. Nämlich die Veränderungen des Kunstwerkes „from a model of individual authorship to one of collective relationship.“ (Lacy) Das Kunstwerk ist nicht mehr ein abgeschlossenes Gebilde, sondern spielt sich ab in der Kommunikation zwischen Künstlern und dem Publikum: „artwork as a process of meaning-making interactions.“ (Alan Kaprow) Dafür zieht sich Mierle Laderman Ukeles‘ Arbeit „Touch Sanitation“ als Beispiel durch dieses Buch, bei der sich die Künstlerin 1978/79 bei jedem Müllmann in New York per Handschlag für deren Beitrag zum kommunalen Leben bedankte.

Etwas unbefriedigend bleiben die Aufsätze, die alle von Emphase für „public art“ geprägt sind, wenn es darum geht, den Begriff der Öffentlichkeit zu klären: beziehen sich „public artists“ nur auf bestimmte Teile der Öffentlichkeit und wie gehen sie dabei mit für den Erfolg ihrer Arbeit vielleicht notwendigen Ein-und Ausschließungen innerhalb multikultureller Gesellschaften um? Diese Fragen werden zwar immer wieder erwähnt, aber nicht eingehend reflektiert. Dafür fließt unter den Texten ein Strom kommunitaristischer Grundüberzeugung, die von einer „heilbaren“, „verbesserbaren“ Gesellschaft ausgeht, wenn man sich halt nur für das Gemeinwohl engagiert.

Uneingeschränkt zu empfehlen ist das Buch wegen der umfangreichen Dokumentation des „new genre public art“, in der Künstler und exemplarische Arbeiten aus den letzten 25 Jahre vorgestellt werden.

Martin Pesch

Suzanne Lacy (ed.): Mapping the Terrain. New Genre Public Art. Bay Press, Seattle 1995, 294 S., $ 18.95.