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Magazin: Kulturpolitik · S. 406 - 406
Magazin: Kulturpolitik , 1991

Öffentliche Hinrichtung?

ÜBER DIE KONTROVERSEN UM DIE KULTURREFERENTIN DR. KARLA FOHRBECK

VON MARTIN BLÄTTNER

Innerhalb der Stein für Stein wiederaufgebauten, feisten bis derben Stadtumwallung lösen die Kontroversen um die knapp ein Jahr in Nürnberg amtierende Kulturreferentin Dr. Karla Fohrbeck fast schon zwangsläufig ein mittelalterliches Déjà-vu-Erlebnis aus: von „öffentlicher Hinrichtung der Referentin“ und von „sonst größerer Tötungshemmung gegenüber Frauen“ (Fohrbeck) war (vorerst nur verbal) bei einer Podiumsdiskussion (mit dem suggestiv fragenden Titel: „Kulturpolitik am Ende?“) die Rede. Die groteske Zerpflückung der eigenen Kandidatin aus den Reihen jener, die sie unter großem Applaus auf den symbolischen Häuptlingsstuhl gehievt haben (die SPD und Die Grünen), könnte noch rabiat werden. Bei diesem unschönen Intrigenspiel – eine derartige Diskriminierungskampagne ereignete sich zuletzt zum Nachteil einer früheren Kulturdirektorin – werden die kuriosen Absurditäten allein noch vom Amtsvorgänger Hermann Glaser überboten, der Frau Fohrbeck einst als die große Favoritin ins Gespräch brachte und sie wenige Monate nach der Schlüsselübergabe wie eine zu heiße Kartoffel rigoros fallen ließ. Die befremdlich stimmenden Vorwürfe des Exkulturreferenten, der Fohrbeck in den regionalen Tageszeitungen immerhin „esoterischen Illusionismus“ und „autoritäre Attitüden“ bescheinigte und sich gar zu der Äußerung hinreißen ließ, sie verbreite eine „Atmosphäre neurotischer Einschüchterung“, sind denn selbst für robustes Frankenporzellan starker Tobak. Verständlicher sind die Ängste Glasers, das nahezu legendäre „Erbe“ sozio-kultureller Utopien (das unvollendete, aber kostspielige Nirwana als Hinterlassenschaft aus dem „Projekt Aufklärung“ reicht von „Kulturläden“ bis zum baufälligen „Kommunikationszentrum“) werde nicht mehr entsprechend gehätschelt und getätschelt, stimmte es doch in den siebziger Jahren noch aufbruchsfroh. Die Diadochenkämpfe um das geistige Imperium lassen…

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