Ausstellungen: Berlin , 1991

Marius Babias

p.t.t.red

»Stefan Micheel und HS Winkler – Projekt Rotverschiebung«

Berlin, 21.9. – 22.12.1990

Die gottlose Industriegesellschaft hat neue Opiate für das gestreßte Volk ersonnen: das Abenteuer, die Grenzerfahrung, den Hochleistungstod. Das Guiness-Buch der Rekorde verzeichnet die Sieger der Disziplinen Dauerduschen und Dauer-Wurstessen. Notorische Egomanen wie Reinhold Messner werden zu Medienhelden stilisiert; die Fußzehen Messners, auf einer Bergtour erfroren und anschließend amputiert, erlangen Reliquiencharakter. Die mutwillige Gefährdung der eigenen Physis und Psyche ist nicht lediglich ein Risikofaktor unter vielen, sondern der eigentliche, masochistische Transmissionsriemen der Abenteuer-Expeditionen.

Auch die Kunst, angesiedelt auf dem tertiären, dem Freizeitsektor der Gesellschaft, assimiliert in immer höheren Maße die Spielregeln des Hochleistungssports. Meldungen über das teuerste, das größte oder das kleinste Gemälde der Welt geistern durch die Medien und begeistern den Leser, der sich nunmehr im Besitz eines Kriteriums für die Beurteilung von Kunst wähnt: der kreativen Leistung und ihrer Meßbarkeit. Die Zwecklosigkeit der Hochleistung im Sport und in der Abenteuer-Expedition hat in der Kunst aber andere Gründe. Künstlerische Ideen und Konzepte, im Werk materialisiert, verfolgen durchaus einen Zweck, nämlich zwecklos, d. h. nicht dienstbar zu sein. Die entscheidende Relation zwischen Leistung und Zweck ist in den Projekten des Berliner Künstlerduos Stefan Micheel und HS Winkler ein wiederkehrendes Grundmotiv.

Ihre Stadtrauminstallation „Rotverschiebung“ mit insgesamt elf Blitzleuchten, die über den Dächern von Berlin eine imaginäre Peillinie zwischen dem Fernsehturm am Alexanderplatz und dem Schäferturm am Wannsee ziehen, hat einen – gemessen am zweijährigen organisatorischen Aufwand – geringen materiellen Restwert. Selbst das Erstellen einer fotografischen Dokumentation der im einsekündigen Takt und nicht analog…

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