Titel: Kunstverweigerungskunst II · von Erik Porath · S. 46
Titel: Kunstverweigerungskunst II , 2015

Psychoanalyse und Verweigerung

Marina Abramovićs Performance der Reduktion

vom Erik Porath

Gegenwartskunst als Psychoanalyse?

Es ist alles bereit: Tisch und zwei Stühle stehen auf einer großen freien Fläche. Eine ist schon da. Sie sitzt und wartet. Wer wird kommen und den leeren Platz einnehmen? Keiner weiß, was passieren wird. Die Situation ist karg und streng, zugleich aber offen für alles Mögliche. Werden Worte gewechselt? Oder bleibt es bei Blicken, stummen Gesten, versteckten Zeichen? Es ist eine angespannte Nähe, die nur noch durch den Zwischenraum des Tisches die Distanz wahrt. Die Präsenz des Anderen wird deutlicher denn je, ohne dass man weiß, was daraus folgt. Kann man das ertragen? Und wie lange? Das ist das Setting.

Dieses Setting gehört nicht in die Psychoanalyse. Jedenfalls entspricht es nicht dem klassischen Arrangement, das Sigmund Freud erfunden hat: eine von aller Öffentlichkeit abgeschottete Begegnung zwischen Analysant und Analytiker, ersterer liegend auf der Couch ohne direkten Blickkontakt und zu freier Assoziation aufgefordert, und letzterer den Äußerungen mit gleichschwebender Aufmerksamkeit begegnend, zuweilen nachfragend, kommentierend und deutend. Dagegen hat die Künstlerin Marina Abramović im Jahre 2010 ihre „durational performance“ The Artist is Present in der Öffentlichkeit des Museums of Modern Art, New York, deren Vorbereitung und Aufführung Matthew Akers in seinem gleichnamigen Film festgehalten hat. In der Londoner Serpentine Gallery wurde die Performance in modifizierter Form 2014 unter dem Titel 512 Hours aufgeführt. Während der insgesamt 736 Stunden, „in which visitors were invited to sit in silence opposite the artist and gaze into her eyes for an unspecified amount of time“, kam…

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