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Magazin: Museen & Institutionen · von Jürgen Raap · S. 420 - 420
Magazin: Museen & Institutionen , 1993

Jürgen Raap
Rekorde und Rezession

Zwei bis vier Stunden Wartezeit mußten Besucher auf sich nehmen, die Einlaß zur Cézanne-Ausstellung in der Tübinger Kunsthalle begehrten; ein entnervter Kunstfreund fing gar eine Prügelei mit einem Wärter an. Als die Werkschau Anfang Mai ihre Pforten schloß, waren mehr als 400.000 Besucher an den Exponaten vorbeidefiliert. Ähnliches Gedränge meldeten auch die Kölner Picasso-Ausstellung und die Miro-Schau in Barcelona. Götz Adriani, Leiter des Tübinger Instituts, gab sich angesichts des Rummels gelassen: »Früher haben wir beklagt, daß zuwenig, jetzt beklagen wir, daß zu viele kommen.« Der Grund für dieses immense Besucherinteresse ist simpel: Was sonst auf mehr als ein Dutzend Museen in allen Kontinenten verteilt ist, wird in solch einer konzentrierten Ausstellungsinszenierung wie in Tübingen oder Barcelona aus konservatorischen und finanziellen Gründen in den nächsten 30 Jahren kaum, wahrscheinlich sogar nie wieder zu besichtigen sein.

Prognosen über erwartete Besucherzahlen und wirtschaftliche Sekundäreffekte legitimieren schon seit einigen Jahren den Finanzaufwand für solche Projekte in erster Linie und dann erst mit weitem Abstand die Argumente aus rein kunsthistorischer Sicht. Doch wo im Vergleich zu solchen ausstellungspolitischen Highlights weniger Spektakuläres gezeigt wird, nämlich in den Dauerausstellungen mit den Beständen der Sammlung eines Museums, hätte man – wie Adriani gegenüber der »Süddeutschen Zeitung« meinte – durchaus noch die »Möglichkeit zu einsamem Dialog« in halbwegs leeren Sälen. Es scheint also so zu sein, daß die Institute mit dem Erlös aus ehrgeizigen Sonderprogrammen ihren Normal- oder Alltagsbetrieb aufrecht zu erhalten versuchen – und das angesichts von Haushaltssperren in den kommunalen Etats (in Köln z.B….


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