Ausstellungen: Wolfsburg , 2006

Ronald Berg

Spurensuche

»Vergessen und Erinnern in der Gegenwartskunst«
Kunstmuseum Wolfsburg, 28.02. – 13.8.2006

Es ist noch nicht der große Wurf des neuen Schweizer Kunstmuseumsdirektors Markus Brüderlin. Denn erstens ist „Spurensuche“ eine mit acht Künstlerpositionen eher kleine Ausstellung, die nur die zweite Etage des Museums bespielt; und zweitens ist für die Einrichtung der Schau maßgeblich der Wolfsburger Museumskustos Holger Broeker verantwortlich. Entstanden ist eine Themenausstellung aus dem Sammlungsbestand des erst 1994 eröffneten Museums, ergänzt nur durch zwei „Gastkünstler“. Ausgangspunkt war eine 1999 für das Museum erworbene, große Arbeit von Christian Boltanski. „Menschlich“, so ihr Titel, ist eine raumfüllende Installation mit circa tausend Portraitfotografien, die Boltanski schon in früheren Arbeiten verwendet hat. Die flächendeckend ausgefüllten Wände in dem schummrig beleuchteten ersten Raum des Ausstellungsparcours zeigen schwarzgerahmte Familienbilder und Zeitungsausschnitte mit ganz verschiedene Gesichtern und Personen: Kinder, Alte, Frauen und Männer, allesamt wiedergegeben in vergrößerten, teils grobkörnigen und unscharfen Schwarzweißreproduktionen. Boltanski will damit „Fragen nach dem Leben und damit zwangsläufig nach dem Tod, nach der Passage vom Subjekt zum Objekt“ stellen. Die Wolfsburger Schau hat diese Fragen ins Allgemeine gewendet und das Thema zu „Vergessen und Erinnern in der Gegenwartskunst“ ausgeweitet. Der eigentliche Obertitel „Spurensuche“ deutet an, dass es die Kunst in der Bearbeitung des Vergangenen hauptsächlich mit Relikten zu tun hat. Zur aktuellen Relevanz wird vom Museum darauf hingewiesen, dass damit auch Fragen nach der „Erinnerung im Zeitalter digitaler Datenspeicher und beschleunigter Medienkommunikationprozesse“ angeschnitten werden sollen. In der Tat fungiert die Kunst heute als eine Art von Entschleunigungsmaschine, auch und gerade wenn…

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