Magazin: Publikationen , 1991

Karlheinz Schmid

Theorie, von allen Seiten

Seit Monaten wurde der Erscheinungstermin immer wieder verschoben; die Spannung wuchs wie selten zuvor, wenn ein Buch veröffentlicht wird. Daß es sich freilich nicht um irgendein Buch handeln würde, war jedermann klar. Nein, sagte Franz Erhard Walhter, es wird das Buch, die Theorie zum Werkentwurf, herausgegeben von Michael Lingner. Der -einst Meister-Schüler – gilt seit langem als Haus Theoretiker des Künstlers. Der hat sich schon Gedanken gemacht über so komplizierte Sachverhalte wie den „Ursprung des Gesamtkunstwerkes aus der Unmöglichkeit absoluter Kunst“ oder „Die Aufhebung der Autonomie des Ästhetischen durch die Finalisierung der Kunst“. Also der richtige Mann für die Herausgabe eines derart wichtigen Buches, das nun meine 110 Zentimeter F. E. Walther krönen soll, das schon dank der Autorenliste in jedes Bücherregal gehört.23 Texte von 22 Autoren und rund 450 Fotos sollen dokumentieren und kommentieren, was Walther in den vergangenen 25 Jahren entwickelt hat. Der vierfache „documenta“-Meister, heute Professor in Hamburg, läßt den Reigen intellektueller Kraftakte – darunter Rudolf zur Lippe („tatsächlich findet man das Grundverb ‚ahmen‘ im Wörterbuch“) – mit Lingners Frontalangriff gegen die „neue irrationalmythische Unmittelbarkeit“ eröffnen. Gemeint ist eine Kunst, die bislang noch höher dotiert ist als Walthers Wandstückerei. „Erhaben und genialisch sich gebärdend“, schreibt Lingner, „hat sie Ausdruck in einem national-expressionistischen, pseudo-primitivistischen oder edel-futuristischen Stil der Malerei gefunden, die momentan sogar auf den Spitzenpositionen im Kunstbetrieb zu finden ist.“

Derart eingestimmt, lenkt der Leser seinen Blick zwangsläufig auf Bild- und Textstellen, die den hohen, vermeintlich unpopulären Anspruch belegen, die „einen Beitrag zur Erkenntnis…

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