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Titel: documenta fifteen - documenta fifteen: Rundgang · von Ellen Wagner · S. 200 - 203
Titel: documenta fifteen - documenta fifteen: Rundgang ,

13 Hessisches Landesmuseum

Pınar Öğrenci, FAFSWAG

Durch einen fragilen Vorhang aus aneinandergenähten Papiertaschentüchern betreten wir einen Raum, der bildkräftig Enge und Weite zugleich ausstrahlt. Pınar Öğrencis [01] Aşît (2022) begleitet die Stadt Müküs in der Bergregion an der türkischen Grenze zum Iran durch eine zerrissene Geschichte hindurch. Inspiriert ist die Arbeit von Stefan Zweigs Schachnovelle (1941), in der ein Gefangener der GESTAPO die Isolationshaft durch das wahnhafte Imaginieren immer neuer Schachpartien gegen sich selbst überlebt – als äußerlich gefasster Mann, dem jedoch „das einzige Spiel, das allen Völkern und allen Zeiten zugehört und von dem niemand weiß, welcher Gott es auf die Erde gebracht, um die Langeweile zu töten, die Sinne zu schärfen, die Seele zu spannen“, zur Rettung und zum Trauma zugleich geworden ist.

Auch in Müküs ist Schachspielen allgegenwärtiger Zeitvertreib, der jedoch weder die Isolation, die Schneemassen im Winter über die Stadt verhängen, noch die schmerzhaften Erinnerungen an das Jahr 1915 der gewaltsamen Vertreibung von 1,5 Millionen Armenier*innen aus Anatolien. Trotzdem ist der poetisch, ohne zu emotionalisieren wiedergegebene Verlauf eher Tau als Lawine. Die Schneehänge, von Schafherden wie Nebelschwaden, Walnussbäumen wie Ruinen durchzogen, scheinen zum Ende des Films hin vorsichtig verwandelt: kleine Blüten säumen die Zweige, so wie zu Beginn eine Kette von Menschen mit Schneeschaufeln den Berg. Die Kamerafahrt verabschiedet sich rückwärts durch die Straßen.

Im ersten Stock empfängt die Augmented Reality-Skulptur ATUA (2022) von Tanu Gago und Jermaine Dean der…

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