vorheriger
Artikel
nächster
Artikel
Titel: documenta fifteen - documenta fifteen: Editorial · von Ellen Wagner · S. 48 - 49
Titel: documenta fifteen - documenta fifteen: Editorial ,

dodocumenta fifteen

Gemeinschaftliches „Abhängen“, Kontroversen um den Umgang mit antisemitischen Bildsprachen und die Frage nach dem westlichen Blick – die documenta fifteen bot bereits vor ihrem Start als „Museum für 100 Tage“ die Grundlage für viel Gesprächsstoff und nach öffentlichem Aufschrei wie politischen und journalistischen Debatten stellt sich einmal mehr die Frage: Wie wird es weitergehen? Wo liegen blinde Flecken, die wir nur in Ergänzung aller Perspektiven auszugleichen vermögen? Die vom indonesischen Künstler*innenkollektiv ruangrupa kuratierte Schau fußt auf den Gedanken des lumbung, den Grundsätzen wie Kollektivität, gemeinschaftlichem Ressourcenaufbau und gerechter Verteilung. Rund 1.400 Künstler*innen und Kollektive zeigen an den 32 Standorten in Kassel ihre Welt, ihre Werte und diskutieren die Anliegen des globalen Südens. Traditionell dokumentiert KUNSTFORUM International auch diese documenta in einem exklusiven Sonderband, hinterfragt und erforscht dabei die Hintergründe und Zusammenhänge, gibt Impulse, das Konzept der d15 und seine Realisierung aus unterschiedlichen Perspektiven zu reflektieren. Dabei nimmt der Band sowohl die ausgestellten Werke als auch die Bedeutung des Diskurses für die Freiheit und Verantwortung der Kunst in der Gesellschaft in den Blick.

Im Interview mit Heinz-Norbert Jocks erläutern ruangrupa, wie ihr Ansatz, Kuration vor allem als Ketteneinladung, weniger als Regie zu praktizieren, die aufmerksamkeitsökonomische Grenze zwischen Zentrum und Peripherie untergräbt. Bereits an dieser Stelle lässt sich fragen: Kann der der hier formulierte experimentelle Raum ganz ohne Vorgaben funktionieren? Judith Elisabeth Weiss plädiert dafür, der von informellen Formaten getragenen Annäherung an das, was uns im Einzelnen verbindet oder trennt, gegenüber offen zu sein. Eigene, biographisch begründete Assoziationen reflektierend, entkräftet sie mögliche durch Sozialisation entstandene Vorbehalte, die man vor allem im Westen gegen das Kollektiv als solches empfinden könnte. Dies vertieft ihr Interview mit dem Philosophen Homi Bhabha, der gegen eine Gleichsetzung des Kollektiven mit dem Anonymen argumentiert und „ein gewisses Unbehagen“ als Voraussetzung dafür betrachtet, sich auf Neues einzulassen.

Dabei ist ein weit gefasster Kunstbegriff ja gar nicht neu. Wie Noemi Smolik erinnert, sind das individuelle Künstler*innen-Subjekt sowie die Idee des von rituellen Zusammenhängen museal isolierten Werks Vorstellungen, die keineswegs immer Geltung hatten. Die documenta sieht Smolik daher als Aufforderung, sich vom Fokus auf eine sensorisch und strukturell „kontrollierbare“ Wirkung von Kunst zu lösen. Konkrete Aspekte des Kollaborativen und Partizipativen in der Produktion wie Rezeption überprüft Max Glauner kritisch anhand seiner Erfahrung der Projekte vor Ort. Dabei sieht er vor allem das Singen als Ausdruck individueller oder kollektiver Selbstermächtigung. Ingo Arend insistiert, die Schau als ästhetischen Ausdruck einer gesellschaftlich vielsagenden „Hybrid- oder Protokunst“ ernst zu nehmen. Vor allem müsse differenziert werden, um die Besonderheiten der in ganz unterschiedlicher Weise diskussionswürdigen Werke nicht aus den Augen zu verlieren.

In diesem Sinne führen Sabine B. Vogel und Ellen Wagner im Rundgang mit Fotos von Wolfgang Träger durch die einzelnen Standorte und laden ein den Zukunftspotentialen der Projekte nachzugehen: Anti-rassistischer Death-Metal im Stadt museum, eine Sitcom im Hübner-Areal und ein Truck namens „Werner“ an der Orangerie sind nur einige der Versprechen dieser documenta. Interviews mit Künstler*innen und Kollektiven wie Dan Perjovschi, Agus Nur Amal Pmtoh oder dem Nhà Sàn Collective bringen weitere Aspekte ins Spiel. Die Antisemitis-mus-Debatte bildet den Kontext, in dem einzelne Perspektiven der Ausstellung nun Kontur gewinnen und zu ihren Darstellungsweisen positionieren müssen. Jürgen Raap zeichnet den Verlauf der Ereignisse im Diskurs um den Streit der (Bild-)Kulturen nach, der von der deutschen Geschichte des Holocaust und den Herausforderungen des Kolonialismus und Rassismus stark gefordert ist.

Der Ruf der Politik nach schlicht mehr Kontrolle dieser Großausstellung greift jedenfalls am Kern der Konflikte vorbei, die unseren Umgang miteinander prägen. Gerade im Medium der Kunst sollten diese nicht zu Fronten verhärten, sondern zwischen den Möglichkeiten und Grenzen von Selbstbehauptung und Solidarität respektvoll diskutierbar bleiben – und vor allem eine Selbstreflexion des Einflusses von Ideologien zulassen und unterstützen.
(EW)