Nachrichtenforum: Aktionen, Pläne & Projekte , 2005

BERLIN: NORMALNULL

Der Ort hätte nicht stimmiger sein können: Die „Fraktale IV“-Ausstellung mit jungen Künstlern zum Thema „Tod“ fand im Palast der Republik Berlin statt, und sie wurde wegen des Publikumsandrangs sogar bis November 2005 verlängert. U.a. konnten die Besucher ein Video mit Szenen von einer Treibjagd betrachten. Der Kölner Installationskünstler Harald Fuchs, der schon seit Jahren die Beziehungen zwischen Kunst und Wissenschaft untersucht, beschäftigt sich mit dem millionenfachen Tod durch die Atombombe.

Das politisch wie architektonisch äusserst umstrittene Palast-Gebäude aus DDR-Zeiten ist bekanntlich selbst „todgeweiht“. Erst hat man es entkernt und sämtliche Asbesteinlagen demontiert. Dann wurde jahrelang über Renovierung, neue Nutzung oder Abriss gestritten. Währenddessen vergammelte „Erichs Lampenladen“ (DDR-Volksmund) noch mehr. Die Befürworter des Abrisses hoffen, dass nunmehr spätestens Anfang 2006 endlich die Bagger anrollen und der Palastruine den Todesstoß versetzen.

Da nahm manch ein „Fraktale“-Besucher noch schnell die Chance wahr, sich das Stadtpanorama von einer Stelle aus zu betrachten, die es bald nicht mehr geben wird: Ulrike Mohr und Katinka Bock (Duo „nullplateau“) luden während der Ausstellung zu einer Begehung des 15.000 qm großen Palastdaches ein. Dort hatten sie ihre Berechnung der Höhe unterhalb eines neu definierten „Normallnulls“ markiert: -54,32 m. Referenzgröße dieses künstlerischen „Normalnulls“ ist nicht wie sonst üblich der Meeresspiegel, sondern die mathematische Mitte zwischen dem höchsten Punkt Berlins (Aussichtsplattform auf dem Fernsehturm) und dem tiefsten Ort in den U-Bahnschächten, die 30 m unter der Erde verlaufen.

Andere Beiträge zu diesem Fraktale-Projekt waren ästhetisch „härter“ konzipiert. So kündigte BBB Johannes Deimling an, seiner Performance „Tod“ dürften nur Personen ab 18 Jahren beiwohnen.

REGENSBURG: DONUMENTA

Regina Hellwig-Schmid hat in Regensburg die Veranstaltungsreihe „donumenta“ ins Leben gerufen. Seit einigen Jahren finden dort kontinuierlich temporäre Projekte mit Künstlern aus den Anrainerstaaten der Donau statt. Im Oktober 2005 stellten sich in Ausstellungen, Vorträgen, Filmen und mit Performances, Musik, Tanz und Theater Kulturschaffende aus Bulgarien vor. Im Mittelpunkt stand die Ausstellung „ars danubiana“ mit aktuellen Positionen der Malerei, Installation und Videokunst, die in der Städt. Galerie „Leerer Beutel“ ausgerichtet wurde. Während die Kasseler „documenta“-Macher unter Berufung auf das Markenrecht und die Musterschutzbestimmungen sonst gegen jeden juristisch zu Felde ziehen, der den Namen ihrer Veranstaltung benutzt, auch in verballhornter Form, hatten sie gegen die „donumenta“ nichts einzuwenden.

ORIENTTEPPICH

Manche Teppichläden locken ihre Kunden mit einem permanenten Räumungsverkauf („Alles muss raus“). Beim Orientteppich des Bildhauers Frank Raendchen dürfte ein Abtransport allerdings ziemlich schwierig werden – er besteht nämlich aus lauter Mosaiksteinen. Die Bodenskulptur ist auf der Wilhelminenbrücke in Hamburgs Hafen-City zu besichtigen und nimmt dort eine Fläche von 67 qm ein. Für die originalgetreue Nachbildung einer Perserteppich-Ornamentik haben Raendchen und seine Helfer rund 1,5 Tonnen Steingranulat verbraucht. Im Unterschied zu manchen Pflasterarbeiten in kommunalem Auftrag legte der Künstler großen Wert auf eine äusserst präzise Ausführung: Die Steinchen sind so gut verklebt, dass man nicht mit dem Absatz eines Stöckelschuhs in den Fugen hängen bleiben kann.

KARLSRUHE: GRUNDRECHTE

Auf der historischen Achse zwischen dem „Zirkel“ und dem Schlossplatz von Karlsruhe hat Jochen Gerz den „Platz der Grundrechte“ gestaltet. Hier sind 24 Metallschilder installiert worden. Die gleiche Anzahl an Schildern hat Gerz an weiteren Orten in der Stadt aufstellen lassen. Die Auswahl der Stellen traf allerdings nicht der Künstler, sondern die Stadtverwaltung. Eines dieser Schilder steht an jener Stelle, an der 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback von Mitgliedern der RAF erschossen wurde. Die Inschriften hat Gerz 48 Interviews entnommen, die er mit dem amtierenden Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier und seiner Vorgängerin Jutta Limbach führte, mit dem Philosophen Peter Sloterdijk und anderen Prominenten, aber auch mit Personen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. So offenbaren die Zitate von Juristen und Straftätern höchst unterschiedliche Rechtsauffassungen und Erfahrungen mit der Justiz. Einer der Juristen warnt vorbeugend vor zu großen Hoffnungen: „Der Mensch kann nicht vom Recht alles erwarten…“ Der Volksmund drückt diese Erkenntnis bekanntlich mit den geflügelten Worten aus, auf hoher See und vor Gericht sei man ausschließlich in Gottes Hand. Jemand, der offenbar schlechte Erfahrungen mit der Justiz machte, beklagt sich auf einem der Gerz-Schilder verbittert: „Das Recht gibt es nur auf dem Papier“.

STSTS-PROJEKTE

Seit 1994 arbeiten Stef Stagel und Steffen Schlichter als Künstler-Paar zusammen, und da heutzutage das Labeln einer Marke auch im Kunstbetrieb der letzte Schrei ist, nennt sich das Duo seit 2004 „STSTS“. Ihr Markenzeichen sind Videos, Projektionen, Netze, Bausteine, Klebebänder und andere karge Materialien, die sie in Rauminstallationen einsetzen, z.B. als bildhauerische Metaphern auf die Zubereitung von Rührei. Darin offenbart sich ein feinsinnig-verhaltener Humor, der die Sprödheit dieser Materialien konterkariert. Jüngst war ihre Videoarbeit „Bildhauerei 2005“ im Kunstverein Neuhausen zu sehen. Für den Frühsommer 2006 planen die beiden eine aufwändige Installation im „CCNOA“-Zentrum Brüssel.

BERLIN: DAHEIM

Wolfgang Krause-Bosel, Eigentümer eines Mietshauses in der Berliner Kastanienallee 15, wird in der Pressemitteilung zur Kunstaktion „Daheim“ als „kühler und flippiger Geschäftsmann“ beschrieben, „der nur auf der Überholspur unterwegs ist“. Zur seinen „flippigen“ Zügen ist ohne Zweifel die Bereitschaft zu rechnen, nach drei Jahren Leerstand eines maroden Gebäudes Künstler als neue „Mieter“ aufzunehmen und ihnen bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten zu erlauben, sich in den Wohnungen aktionistisch zu tummeln. 42 Akteure boten im Oktober 2005 eine Woche lang Performances und Installationen. Gemeinsam schufen sie „ein poetisches Bild zwischen Hausbesetzung und Eigentum, Alltag und Exzentrik…“, an dem der Hausbesitzer Wolfgang Krause-Bösel sogar als Mitakteur kreativ beteiligt war. Zu den Organisatoren des „Daheim“-Projekts gehörte auch sein Fast-Namensvetter, nämlich der Galerist Wolfgang Krause (Galerie O 2), neben Anja Gerecke, Silvia Lorenz, Stefan Rummel, Dieter Lutsch, Peter Möller und Olf Kreisel. Lutsch betrieb eine Zimmerdisco, der Tüftler Leander Hörmann richtete ein Labor mit Fledermaus und Fisch ein, und wer unbedingt Sport treiben wollte, konnte sich zu Sebastian Siechold ins Sportstudio begeben und dort an einem „speziellen Aufwärmtraining“ teilnehmen.

KÖLN: HOTEL CHELSEA

Dr. Werner Peters betreibt sein Kölner „Hotel Chelsea“ als Künstlerherberge. Im angeschlossenen Café war einst Martin Kippenberger Stammgast, und so kann man an dieser Adresse in einer Martin Kippenberger-Suite nächtigen. Andere Zimmer nutzen Künstler als Ateliers im Rahmen eines einjährigen „Artist in Residence“-Programms. Über dieses Hotel hat die Kölner Medienkünstlerin Tanya Ury einen Film gedreht, der im Oktober 2005 auf dem „Women makes Waves“-Festival in Taipeh gezeigt wurde und der bis Dezember 2005 noch durch weitere 20 Städte in Taiwan tourt.

KÜNSTLERFILM-DATENBANK

Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) hat die erste Online-Filmografie in Europa ins Internet gestellt. Diese Künstlerfilm-Datenbank enthält Informationen über Film-, Fernseh- und Videomaterialien in den Sparten bildende Kunst, Architektur, Design und Fotografie. Der Schwerpunkt liegt auf Dokumentarfilmen. Zum Bestand gehören jedoch ebenso Spiel- und Experimentalfilme. Erfasst sind 23.000 Produktionen über deutsche Kunst nach 1900. Kontakt: www.kuenstlerfilm.ifa.de/suche, Günter Minas, E-Mail: minas@t-online.de.

KOREA: NATURVISIONEN

Die koreanische Künstlergruppe „Yatoo“ initiierte ein langfristig angelegtes Projekt über Natur, Umwelt und die Beziehung zwischen dem Menschen und seinen Lebensräumen. Seit 1992 finden dazu regelmäßige Ausstellungen statt, und 2004 wurde die erste Nature Art Biennale in Korea durchgeführt. Als Projektstützpunkt und Ausstellungsraum dient das Yatoo-Center in der südkoreanischen Stadt Gongju (Provinz Chungcheonnamdo). Die Künstler bekamen für ihre Aktivitäten eine ehemalige Polizeistation zur Verfügung gestellt. Im Oktober 2005 zeigten dort 115 Künstler aus 18 Nationen ihre aktuellen Beiträge in den beiden Ausstellungen „Visions of Nature“ und „About-from-for-Nature“. Das Spektrum der Motive reichte von „Einer Plattform, die die Welt beobachtet“ (Mikael Hansen, Dänemark) über das „Paradies“ in Form eines modernen Erholungszentrums auf einer Ferieninsel (Choi, Hey-Kwang, Südkorea) bis zu diversen politisch-kritischen Beiträgen über die globale Umweltzerstörung. Suchten weltflüchtige Maler wie Gauguin vor 100 Jahren in exotischen Gefilden nach einer unberührten Idylle, so bewegt sich die heutige Künstlergeneration zwischen den Absichtserklärungen des „Kyoto-Protokolls“ und dem Entsetzen über die Tsunami-Fkutkatastrophen und den Hurricans, die jüngst New Orleans verwüsteten.

AACHEN: KÜNSTLERMUSEUM

Im vergangenen Jahr erlitt der Aachener Künstler Günther Beckers eine juristische Niederlage, als das Oberlandesgericht Köln in letzter Instanz seine Klage gegen einen Aachener Museumsdirektor abwies: Demnach war es rechtens, dass der Museumsmann eine mündlich gegebene Ausstellungszusage später wieder zurück gezogen hatte. Eine mündliche Vereinbarung ist zwar gültig, bedarf aber unter Umständen doch der Schriftform, um justiziabel zu sein. In diesem Falle war der Museumsdirektor gar nicht befugt, ohne Genehmigung seiner Vorgesetzten vertragliche Verpflichtungen einzugehen, die einen gewissen, sehr eng bemessenen finanziellen Rahmen überschritten hätten. Künftig braucht sich Beckers jedoch nicht mehr mit störrischen Museumsdirektoren herum zu ärgern – er betreibt nämlich jetzt in der Aachener Ludwigsallee sein eigenes Künstlermuseum. Dort propagiert er nun den „Triumph der Zeichnung“ und den „Triumph der Malerei“. Mitstreiter und Bruder im Geiste ist der in Düren-Langenbroich lebende Kollege René Böll, Sohn des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll. Adresse: Aachen Art Museum – Projekt Freies Kunsthaus, Ludwigsallee 79, 52062 Aachen.

MÜNCHEN: LOST PARADISE

Im Rahmen der Münchener „Ortstermin“-Reihe mit Kunst im öffentlichen Raum hat Stefan Wischnewski „in Hobbygärtnerbauweise einen mobilen Biosphären-Prototypen für Stadtnomaden der Zukunft“ geschaffen. Formal verbindet er dabei „Gewächshauskonstruktionen“ und „Raumfahrtarchitektur“. „Das Projekt bewegt sich zwischen einem Weltraum-Habitat und einer futuristischen Kleingartenparzelle auf einem Anhänger“, notiert der Künstler. Bis Mitte November 2005 tourt er mit seinem „Lost Paradise“-Anhänger durch den Münchener Stadtraum und stellt das Gefährt auf diversen Parkplätzen ab, wo es mittels gespeichertem Solarstrom nachts als „Lichtskulptur“ fungiert.

KÖLN: KNEIPENTOUR

Die jüngere Künstlergeneration steht im Ruf, ihre Freizeit lieber mit Fruchtsäften im Fitnessstudio zu verbringen. Doch es gab mal Zeiten, in denen die Bohème sich vorzugsweise in Kneipen aufhielt, vor allem in Köln, wo ohnehin eine mediterrane Lebensart vorherrscht und man das Bierlokal gerne als sein zweites Wohnzimmer betrachtet. Jener Bohèmetradition erweist nun der Kölner Künstler Parzival Reverenz, in dem er in diesen Novemberwochen zu einer „Cyberview-Kneipentour“ einlädt und in diversen Szenelokalen „Künstlerstammtische“ abhält. Die Teilnehmer bekommen eine „Cyber-Brille“ mit Prismengläsern aufgesetzt, durch die man die Welt als Ansammlung bunter Splitter erlebt. Wer das als ungenügend empfindet, kann sich mit einem „Cyber-Cocktail“ diese Wahrnehmungen auch schön trinken. Zumindest eines der Lokale bietet hierfür auch das passende Ambiente: In der „Fiffi Bar“ ist man gründlich auf den Hund gekommen. Dort ist die Einrichtung mit lauter Hundeporträts und Wackeldackeln ausstaffiert. Die Cocktails heißen „Waldi“, „Lumpi“ oder „Sitzplatzfass“, und wenn nun auch noch Parzival mit seinen Cyberbrillen dort einmarschiert, gerät der Künstlerstammtisch rasch zu einer psychedelischen Versuchsreihe über die manchmal höchst wundersame Verwobenheit von Rausch und Realität.

WEIMAR: TRAMPELPFAD

„Der Trampelpfad als Volksskulptur“ heißt ein Projekt der in Weimar und Genf tätigen Künstlerin Sylvie Boisseau. Jeder kennt in Parks Pfade, die quer über eine Wiese verlaufen und die offiziellen Wege abkürzen. „Im urbanen Gefüge sind Trampelpfade ein Ausdruck eines spontanen Widerstands gegen allzu rasterhaftes Denken der Planer“, meint die Künstlerin. Unlängst erklärte Boisseau solche Trampelpfade im Wohngebiet Weimar-Nord im Beisein des Ortsbürgermeisters zu „offiziellen Volksskulpturen“. Die Bewohner hätten „mit der Verdichtung und Abtragung“ von Erde und Grasnarben eine „sichtbare Skulptur“ geschaffen. Den Passanten ist dies sicherlich nicht bewusst, denn zunächst ging es ihnen ja wohl nur darum, unnötige Umwege zu vermeiden. Aber wenn sie die Unsinnigkeiten der Planungsbürokratie ignorieren und korrigieren, leben sie ein kreatives Potenzial aus, was sich durchaus mit der Beuys’schen Formel „Jeder Mensch ist ein Künstler“ beschreiben ließe. Insofern ist der Trampelpfad eine „Soziale Plastik“.

WIEN: KUNSTKLAPPE

Wenn die Ferienzeit naht und die Tierheime überfüllt sind, wird so mancher vierbeinige Hausgenosse einfach an einem Autobahnparkplatz ausgesetzt. Mit unerwünschten Babies geht man nicht ganz so herzlos um. Manche Spitäler haben eine „Babyklappe“ eingerichtet, in denen das Neugeborene abgelegt werden kann, in der Gewissheit, dass es wenige Minuten später entdeckt wird und bis dahin keinerlei Schaden durch Kälte etc. erlitten hat. Doch wohin mit der geklauten Kunst, wenn den Dieb die Reue überkommt, oder wenn er seine Beute wieder loswerden will, weil alle Veräusserungsversuche gescheitert sind? Ein wertvolles Werk stellt man ja nicht einfach anonym vor dem Lieferanteneingang des Museums ab. Erwin Uhrmann und Moussa Kone, Betreiber der Wiener Werftgalerie, glauben, eine Lücke im „Betriebssystem Kunst“ entdeckt zu haben und füllen diese nun mit einer „Kunstklappe“ auf. Ein erster Missetäter hat sich bei dieser Rückgabestelle für künstlerisches Diebesgut auch bereits eingefunden: Er hinterlegte in tiefdunkler Nacht dort ungesehen zwei Barockengel zusammen mit einem Bekennerschreiben, in dem er sich selbst als „Die rote Schlange“ tituliert und die Engel verkünden läßt: „Wir wollen nach Hause“. Uhrmann und Kone vermuten, die Engel seien vor 30 Jahren aus einer niederösterreichischen Kirche entwendet worden. Bis jetzt könnte man die bizarre Geschichte für wahr halten. Der obskure Name “ Die rote Schlange“ klingt allerdings so, als ob er einem Jugend-Krimi entlehnt wurde und so vermutet man, dass Ganze sei vielleicht doch nur ein harmloser Ulk, den sich die beiden Künstler ausgedacht haben. Wenn das tatsächlich so wäre, dann ist dieses Projekt zugleich ein Lehrbeispiel dafür, wie man einen guten künstlerischen Gag durch Überzeichnung ruinieren kann. Immerhin dürfen die beiden Werftgalerie-Künstler ihre Sammlung mit gestohlener Kunst bis zum 29. Januar 2006 in der Sammlung Essl präsentieren.

SALZBURG: HANGART

In Salzburg dient ein Hangar als Ausstellungsort für junge Kunst. Das aktuelle „HangART“-Projekt findet vom 21. Oktober bis 18. Dezember 2005 mit aktueller Kunst aus China statt. Kurator ist Chang Tsong-zung aus Hongkong. Er hat einen Querschnitt mit Kunst aus Beijing, Shanghai, Chengdu und anderen Orten zusammengestellt.

WIEN: DACHGARTEN

Die Wiener Stadt- und Landesbibliothek bekam 2004 einen neuen Tiefspeicher für ihr Plakatarchiv. Als oberer Abschluss des Gebäudes wurde soeben ein Dachgarten des Künstlerpaares Lois und Franziska Weinberger eingeweiht. Die beiden Künstler brachten „biomorphe Gangstrukturen“ in den Beton ein und bepflanzten den Boden mit Sukkulenten. „Durch die Bepflanzung erscheint das Werk von den darüberliegenden Gängen des Rathauses aus wie eine poetische Zeichnung. An einem Ort, wo archiviertes Wissen und gegenwärtiges Verwaltungsmanagement aufeinander treffen, begegnet man fast beiläufig einer organisch wirkenden und zugleich reliefartigen Gestaltung“, heißt es dazu in der Pressemitteilung.

DER LANGE ATEM

Boris Nieslony und die Kölner Gruppe „ASA European e.V.“ organisieren zusammen mit dem Essener „Europäischen Performance Institut NRW“ regelmäßig Performance-Festivals im Maschinenhaus Essen (Wilhelm-Nieswandt-Allee 100). Im November 2005 fand erneut eine zweitägige Performance-Reihe unter dem Titel „Der lange Atem“ statt. Eingeladen waren Künstler, die zum Teil bereits seit den siebziger Jahren als Performer auftreten und für ihre Arbeit wirklich einen langen Atem brauchen: Aus Galerien und von Kunstmessen sind Performances mittlerweile nämlich fast völlig verschwunden. Kaum ein kommunales Museum dokumentiert heute noch die Aktionskunst, die sich ab 1970 jenseits von Happening und Fluxus ereignet hat. Doch es waren im Zeitalter von Transavantguardia-Malerei, Beuys’scher Theorieentwürfe über Kunst und Gesellschaft und neben den Vertretern der Künstlerischen Spurensicherung vor allem die Performer gewesen, die vor einem Vierteljahrhundert neue Wege erschlossen hatten. Vielfach waren sie – wie Zbiegniew Warpechowski in Polen – auch prägend für die Kunstentwicklung in ihren Ländern gewesen, sofern man die Meinung teilt, dass sich die wirklich aufregende Kunst abseits des Mainstream abspielt. „Der lange Atem“ fand nun bereits zum dritten Mal statt, als Reverenz an die Altmeister der Performance. Eingeladen waren Amanda Heng und Lee Kun-Yong aus Korea, Terry Fox aus den USA, Helinä Hukkataival aus Finnland, Giovanni Fontana aus Italien und Marianne Tralau aus Deutschland.

VILLA ZANDERS GEFÄHRDET

Bergisch-Gladbach vor den Toren Kölns, Heimatort des Models Heidi Klum: Hier ließ die Fabrikantengattin Maria Zanders im 19. Jh. eine Villa erbauen, die damals glanzvoller Mittelpunkt des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens war. Später versank der Vorort allerdings in einen kulturellen Dornröschenschlaf, bis die Gemeindereform 1975 Bergisch-Gladbach formell zur Großstadt machte und die Stadtoberen erkannten, dass sie etwas zur Aufwertung ihrer Kommune unternehmen mussten. Man baute das „Bürgerhaus Bergischer Löwe“ und richtete die Villa Zanders als städtische Galerien ein. Dreißig Jahre lang bot die Villa Zanders ein hochkarätiges Programm mit zeitgenössischer Kunst, die sogar die verwöhnten Kölner als Publikum anlockte. Nicht zuletzt deswegen wurde die Villa von Künstlern und Sammlern immer wieder mit Schenkungen und Stiftungen bedacht. Doch jetzt, wo auch in Bergisch Gladbach der Rotstift regiert, steht die Villa vor der Schließung. Schon seit Jahren kommt die Stadt nur für das Gebäude und das Personal auf; für das Programm mussten private Träger sich um andere Quellen bemühen. Dass die Stadt sich nun völlig aus der Villa zurückziehen will, hält eine örtliche Protestinitiative für unsinnig: Das städtische Personal ist unkündbar und müsste ohnehin weiter beschäftigt werden, und jede andere Nutzung der Villa würde erst einmal erkleckliche Investitionen in die Umrüstung erfordern. Ein Verkauf käme „aus historischen Gründen“ nicht in Frage. So hofft die lokale Künstlerschaft, dass die Villa doch noch als Kunstort erhalten bleibt.

MISS GERMANY

Kaum hatten sich Union und SPD nach zähem Ringen darauf geeinigt, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin werden soll, da ernannte die nie um groteske Einfälle verlegene BILD-Zeitung sie gar zur „Miss Germany“. In den Augen des Kölner Künstlers Volker Hildebrandt fügt sich dieser ebenso schrille wie unpassende Einfall nahtlos in die fragwürdigen Bemühungen der PR-Strategen in der CDU-Zentrale ein, die bei ihren politischen Gegnern eher als sauertöpfisch und emotionslos geltende Merkel am liebsten gar zu einer sambarasselnschwingenden Stimmungskanone aufzubauen. Bereits die manipulativen Aufhübschungen der Merkel-Mimik auf den Wahlplakaten oder als Großbild auf der Fassade der Berliner Parteizentrale empfand Volker Hildebrandt als Hohn. Doch als Künstler, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, möchte Hildebrandt das verfälschte Merkel-Bild nun wieder zurechtrücken. Er bietet jetzt eine Edition mit einem Merkel-Porträt an, dass die Kanzlerin mit dem von früheren Fotos her vertrauten miesepetrigen Gesichtsausdruck zeigt. Als Sammelobjekt eignet es sich natürlich eher für Merkel-Gegner als für Merkel-Fans.

WOLFSBURG: ELEKTROPOPKLUB

Bis zum 20. November 2005 verwandelte sich der Kunstverein Wolfsburg in einen deutsch-polnischen „Elektropopklub“. Mit diesem Kulturaustauschprojekt beteiligt sich der Kunstverein am deutsch-polnischen Jahr 2005/2006. Im Sommer hatte es in der polnischen Stadt Bytom bereits eine ähnliche Veranstaltung gegeben. Die Idee: In einer „Arena“ treten Vertreter aus der bildenden Kunst, aus Tanz, Musik, Film und Mode gegeneinander an. Die Initiatoren betonen ausdrücklich: „Der Elektropopklub ist kein kommerzieller Musikclub, bietet mehr als nur Afterwork-Entspannung“. Wolfsburg und Afterwork-Entspannung – da denkt man normalerweise eher an jene Ausschweifungen, mit denen der VW-Konzern in die Schlagzeilen geriet, und nicht unbedingt an avantgardistische Club Culture. An der Ausstellung und an den Auftritten im Wolfsburger Kunstverein nahmen teil: Kamilla Kanclerz, Barbara Loreck, Katharina Marszewski, Franziska Wicke, Agnieszka Psiuk/Adrian Chorebala, Marcin Dos, Jakub Jeziersk und Emanuel Günther aka Dr. Mooner.

KÖLN: KÜNSTLERARCHIV

Der Kölner Künstlerverein 6811-Forum junger Kunst bespielt Räume im Mediapark mit Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, kleineren Kongressen, Seminaren und Workshops. Die Vereinsarbeit richtet sich auf die Förderung und Belebung der jungen Künstlerszene in der Stadt. Dazu gehört auch der Aufbau eines Künstlerarchivs, zu dem interessierte Maler, Bildhauer und Medienkünstler Dokumentationsmaterial (Kataloge, Projektpapiere etc.) einreichen können. Infos: Marion Wübbold (wuebbold@onlinehome.de), Ulrich Rödder (roedder@ish.de).