Ausstellungen: Berlin , 2012

Ronald Berg

Body without Body

»Körperbilder in der zeitgenössischen israelischen Skulptur«

Georg Kolbe Museum, Berlin, 27.11.2011 – 19.2.2012

Ein Bildnischarakter ist in Liav Mizrahis stachliger Papierskulptur nur in sehr sublimierter Form und in höchst unscheinbarer Qualität vorhanden. Die vielen eingerollten Stacheln auf dem Papierkegel sind nämlich mit der Spucke des Künstlers an der Spitze fixiert worden. Das papierne Gebilde mit seiner im Inneren leuchtenden Neonröhre mag als Sinnbild eines beseelten Körpers durchgehen, als Abbild des Künstlers selbst taugt es nur auf einer symbolischer Ebene, die vom realen Körper abstrahiert.

Das alttestamentarische „Du sollst Dir kein Bildnis machen“ hat die jüdische Kunsttradition schon immer bestimmt und scheint noch heute Einfluss zu haben. Interessant wird es da, wo der Körper als Thema eigens in Frage steht, wie in dieser von Liav Mizrahi kuratierten Gruppenausstellung. Mizrahi selbst eingeschlossen widmen sich zwölf zeitgenössische israelischen Künstler im Georg Kolbe Museum dem Thema „Body without Body“.

2008 war Liav Mizrahi als Künstler bereits an gleicher Stelle an einer Ausstellung beteiligt. Das damalige Zusammentreffen mit den Kolbeschen Figuren in dessen ehemaligem Atelierhaus muss den 1977 in Haifa geborene Künstler stark beeindruckt haben. Jedenfalls wollte Mizrahi unbedingt selbst eine Ausstellung an Ort und Stelle machen. Jetzt war die Gelegenheit für eine (indirekte) Auseinandersetzung mit dem Werk von Kolbe und der figürlichen Tradition in der Plastik günstig: Parallel zu Mizrahis Auswahl geht es im Hause derzeit um „Georg Kolbe in Istanbul 1917/18“.

Hier also Kolbes Portraitbüsten und seine Entwürfe für ein Gefallenen-Denkmal in Istanbul und dort ein bunter Haufen verschiedenster Ansätze, denen nur eines gemeinsam ist: alle beteiligten Israelis sparen das Abbild weitgehend aus, und suchen den Körper eher in dessen Spuren, Re-Präsentationen und Symbolen.

Der verwinkelte und gebrochene Zugang zum Körper(-bild) in dieser Ausstellung spiegelt sich auch bei Erez Israeli, obwohl die Nähe zur Figur bei ihm tatsächlich am stärksten ist. Israeli hat drei Betonköpfe an der Wand befestigt. Die Abgüsse wurden allerdings bewusst deformiert. An den am Hals herausragenden Armiereisen hat Israeli mittels Schleifen kleinen Figürchen von Michelangelos „David“ befestig. Israelis verschränkt sein „Self Portrait (A Tribute to Francis Bacon)“ solcherart mit dem (männliches) Körperbild homosexueller Künstler seit der Renaissance. Trotz und wegen des vorgeführten Abbilds geht es Israeli im Grunde ebenso um abstrakte Kategorien wie Identität oder Tradition.

Auch Amir Fattal befasst sich mit Tradition und Rezeption. Auf seiner mannshohen Glasstele prangt in Gesichtshöhe ein von Leni Riefenstahl aufgenommenes Fotoportrait eines Nuba-Mannes. Die vollkommen abstrakte und anorganische Stele bekommt durch Fattals Applikation sofort eine anthropomorphe Dimension. Fattal, der in Berlin lebt und arbeitet, entfesselt aber mit dem Bildzitat von Riefenstahl zugleich eine ganz Kaskade von Bezügen, Assoziationen und vielleicht auch Provokationen, bedenkt man Riefenstahls Rolle als Propagandistin im Dritten Reich.

In Fattals zweiter Arbeit in der Ausstellung geht es um ähnlich komplexe Bezüge, wenngleich thematisch anderer Art. Unter dem Titel „The last time you fell, who was there to catch you?“ tritt eine originale Lampe aus dem Palast der Republik auf, sowie ein metallener Rolltisch mit einer darauf liegenden, fleischfarbenen Silikonhaut. Letzteres zeigt in sinnlicher, fast lasziver Plastizität den Negativabdruck einer Fassadenfigur zur Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses. Schlüter-Barock reloaded sozusagen. Eine Schlossreplik mit barocker Fassade soll bekanntlich den an gleicher Stelle abgerissenen Palast der Republik ersetzen, der sich wiederum das kriegszerstörte Barockschloss verdrängt hatte. Begriffe wie Baukörper oder Stadtkörper interferieren hier durchaus mit dem englischen „Body“ und lassen auch in diesem Fall ein komplexes Beziehungsgeflecht von Bezügen und Bedeutungen aufscheinen, wovon das Leibliche eben nur eine Teilmenge ist.

Bei anderen Beispielen innerhalb der Ausstellung funktioniert die Referenz auf Körper und Leib ganz einfach durch Ähnlichkeit. So bei Avital Cnaani. Die schlapp an der Wand hängenden Holzfurniere bei „Tamar“ sehen eben aus wie der wilde Haarschopf einer Frau oder wie die Palmenwedel der Dattelpalme. „Tamar“ als Titel der Arbeit steht bezeichnenderweise sowohl für einen Frauennamen wie für den hebräischen Namen der Dattelpalme. Auf Ähnlichkeit beruht auch Varda Getzows Berg von Damenstrumpfhosen. „Tel“ so der Titel der Arbeit, bedeutet auf Hebräisch besiedelter Hügel. Der über Möbeln errichtete Strumpfhosenhügel könnte allerdings auch an eine Tiergestalt erinnern – oder an die Berge von Kleidungsstücken in deutschen KZs. Letzteres war wohl nicht intendiert, wie der Holocaust als thematischer Bezug auffällig fehlt. Offenbar gehört dieses Trauma für die Generation der zwischen 1970 und 80 Geborenen, zu der fast alle der teilnehmenden Künstler gehören, eher der Vergangenheit an.

Als für die jüdische Identität stärker erweist sich in dieser Ausstellung das Bilderverbot und die abstrakte Tradition in der Kunst Israels. Lea Avital führt exemplarisch vor, wie diese Haltung funktioniert. Sie hat vier schwarze Ledergürtel in vertikaler Reihung nebeneinander an die Wand gebracht, das Material aber zunächst weiß übermalt, nur um es dann wieder schwarz zu färben. Avital musste also symbolisch den leiblichen Zusammenhang der Gürtel aus Tierhaut und als Kleidungsstück auslöschen, um das neutralisierte Material als abstraktes Zeichen neu zu instrumentalisieren.

Mit vergleichbarer Strategie – nur umgekehrt – ging auch Elad Armon zu Wege, wenn er Plastikgabeln aus seinem heimischen Kibbuz so zu einer Kreisform zusammensteckte, so dass das Gebilde an ein schlangenähnliches Wirbeltier denken lässt, obwohl tatsächlich nichts mimetisch nachgeahmt wird.

Die radikalste und zugleich traditionellste Lösung der im Titel der Schau vorgegebenen Gleichung „Body without Body“ liefert Ariel Reichmann. Vielleicht spielt eine Rolle, dass er aus einer national-religiösen Familie stammt. Sein Beitrag besteht aus nichts als einem Blatt Papier am Boden, auf dem zu lesen steht: „I am not here“. Die Schrift fungiert also als Platzhalter für den abwesenden Körper des Künstlers. Sie bringt dessen abwesende Stimme zur Präsenz. Natürlich wird in diesem Zusammenhang auch auf die Buchreligion der Juden verweisen, in der ein sprechender Gott mittels Schrift ständig präsent ist, obwohl er nie körperlich in Erscheinung tritt.

In den vielfältigen Beispielen dieser wunderbar austarierten Ausstellung wird die Wirkung einer langen Tradition des Bilderverbots deutlich. Das daraus resultierende abstrakte Körperbild erscheint merkwürdigerweise sehr zeitgemäß, mehr vielleicht als das figürliche, dessen letzte Hochkonjunktur hierzulande ja in die unseligen Jahre des Nationalsozialismus fällt. Davon hat sich die Tradition der mimetischen Abschilderung bei uns bis heute nicht wirklich erholt. Einen vergleichbaren Traditionsbruch hat es in der jüdischen respektive israelischen Kunst eben nicht gegeben.