Monografie , 2012

Jürgen Raap

Hartmut Neumann

Schwarze Wolke

Wenn man weiß, dass die afrikanischen Masken in den Schaufensterauslagen des Brüsseler Matongé-Viertels heute tatsächlich zumeist in Indonesien hergestellt werden, um dann ihren Weg in die belgischen Kunstgewerbe- und Souvenirartikelläden zu finden, dann ist es durchaus legitim, dass Hartmut Neumann das Szenario für seine Fotoarbeiten über „Afrikanische Legenden“ mit Zierkeramiken ausstattet, die man als „Cortendorf-Figuren“ kennt. Diese schwarzen Kleinplastiken, eine Afrikanerin darstellend, waren in den 1950er und 1960er Jahren auf dem deutschen Wohnzimmerbüffet Sinnbild für die bürgerlichen Sehnsüchte nach Exotik. Wo Neumann auch sonst als Motive für seine Fotoarbeiten Tierfiguren aus der Spielzeugabteilung, dem Deko-Bedarfsladen oder dem Zoohandel arrangiert („Ruhige Sittiche“, 2007), zusammen mit glitzernden Talmi-Schmuckketten und bunten Blumen aus Papier oder Stoff, da folgt er einem künstlerischen Interesse an der Ästhetik der trivialen Warenwelt. Ihn fasziniert dabei vor allem die Künstlichkeit dieser Dinge, die Imitation von Natur. Ideologische Aspekte, etwa die Frage nach der politischen Korrektheit jener pseudo-afrikanischen Zierfiguren aus heutiger Sicht, bleiben dabei bewusst ausgeklammert.1

Diese Installationen für die Fotoserien sind räumliche Stillleben, für die die klassische französische Bezeichnung „nature morte“ = tote Natur im wahrsten Wortsinne zutrifft, vor allem da, wo Neumann ausgestopfte Tiere benutzt. Zugleich repräsentieren sie eine kulturelle Umdeutung des Natürlichen, wie wir sie in unserer bürgerlichen Alltagswelt immer schon vorgenommen haben, etwa beim Blümchenmuster für die Wohnzimmertapete, und ebenso wie bei der Anlage „naturidentisch“ gestalteter Gehege in den modernen Zoologischen Gärten.

Formalästhetisch lehnen sich diese Fotografien bisweilen deutlich an die Schwarz-Weiß-Kontraste in den Bildräumen der Neuen Sachlichkeit in den 1920er Jahren an, während…

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