Ausstellungen: Kiel · von Jens Rönnau · S. 272
Ausstellungen: Kiel , 2012

Jens Rönnau

From Trash to Treasure

»Vom Wert des Wertlosen in der Kunst«

Kunsthalle zu Kiel, 5.11.2011 – 26.2.2012

Spätestens seit dem Erwachen des Bewusstseins für umweltzerstörende Produktionsabläufe und Konsumgewohnheiten in den 1970er Jahren ist das Thema Recycling und Müll ein Dauerbrenner in der Bildenden Kunst, hat längst seinen Weg in Mode und Wohnwelten gefunden. Aber schon Künstler wie Van Gogh oder Picasso interessierten sich für die ästhetischen Reize des Abfalls und schätzten die dadurch freigesetzten Phantasien. Abfall und Schrott bilden jetzt auch den Ausgangspunkt einer neuen Schau der Kieler Kunsthalle. Direktorin Anette Hüsch will dem klassischen Thema durch eine Nuance der Gewichtung neuen Atem einhauchen, indem sie speziell solche Werke der Müllkunst zusammenträgt, die den Schein des Edlen erwecken, die mit Ironie den Alltagsschrott neuen ästhetischen Erlebnissen zuführen. Dabei wird auch tief in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zurückgegriffen, was zuweilen retrospektiven Charakter bewirkt. 70 Werke von 46 Künstlerinnen und Künstlern werden präsentiert – von Marcel Duchamp über Kurt Schwitters, Joseph Beuys, Daniel Spoerri, Christo und Raffael Rheinsberg bis hin zu Olaf Metzel und Sylvie Fleury.

Statt Müll und Chaos empfängt einen in der Kieler Kunsthalle angenehm gedämpftes Licht, edle Glasgefäße und Echtgold in Vitrinen. Man muss schon sehr genau hinsehen bei den scheinbar gläsernen Werken des Berliners Gerd Rohling. Nicht aus farbigem Glas sind die Pokale und Kelche auf Sockeln und in Schutzvitrinen, sondern aus schnödem Kunststoff – schlimmer noch: Ausgangsobjekte sind Teile leerer Plastikflaschen oder alter Benzinkanister, die da kunstvoll zu ästhetischen Gefäßen montiert sind.

Mit ähnlicher Wirkung, doch wesentlich gröber, geht Olaf Metzel zu Werke, indem er zerschlagene verschiedenfarbige Glasflaschen hoch oben an der Wand zur kostbaren Raumgestaltung werden lässt – nicht ohne den Reiz der Gefahr indes, denn der Gedanke drängt sich auf, dass eine der gewichtigen Scherben sich aus ihrer Verankerung lösen könnte. Darunter findet sich ein schnöder Mülleimer aus Blech. Er ist nicht nur geheimnisvoll von einer Glasvitrine umgeben, sondern zudem durch einen Echtgoldüberzug veredelt – ein Werk der Schweizerin Sylvie Fleury.

Anspruch, Schein und Wirklichkeit werden hier kräftig durcheinander gerüttelt, miteinander vermengt, um dann in überraschender Weise durch die Künstler wieder freigesetzt zu werden. Die Ausstellung zeigt den Wandel vom Wertlosen zum Bedeutsamen, vom Alltagsgegenstand zum Kunstobjekt.

Marcel Duchamp, seit seinem Kunst-Pissoir als ein wesentlicher Urheber der Idee solchen Wandels gefeiert, ist mit einem späten Blatt in der Schau vertreten: Ein Plakat zu einer Dada-Ausstellung von 1953, das erst dadurch zum Kunstwerk wurde, indem er es zerknüllte. Sein Zeitgenosse Kurt Schwitters ist mit älteren Werken dabei: Materialbilder und Fehldrucke von 1920. „Ich bin Maler und nagle meine Bilder“ äußerte Schwitters, der ansonsten vor allem durch seine „Merz-Bauten“ aus Abfallmaterialien bekannt wurde. In diesem Geist schuf Jahrzehnte später etwa Mimmo Rotella seine Decollagen aus alten Plakaten oder die Kielerin Chris Siebenrock Materialbilder aus Wellpappe, Stoffresten und rostigen Nägeln. Beide sind mit Arbeiten in dieser Schau vertreten.

Erfrischend bunt wird es bei einer großen Bodenarbeit von Tony Cragg: Säuberlich sortiert nach Farben präsentiert er Fundstücke aus Düsseldorfer Schmuddelecken, die heutzutage bestenfalls der Wertstofftonne zugeführt würden – darüber ein üppiger Wandfries als Detail einer späten Arbeit von Daniel Spoerri: die „Genetische Kette des Abfalls“. Sie entstammt den Resten aus Spoerri’s eigenem Lager in Italien, das er 2000 auflöste – ein insgesamt 100-Meter langes Fallenobjekt mit autobiografischem Hintergrund des Künstlers.

Feinsinniger wird es darunter mit den erst 2010 genommenen „Bodenproben“ des Berliners Philip Topolovac: Er streifte durch die Keller alter Häuser der heutigen Bundeshauptstadt – um dort gläserne Scherben zu finden, die einst durch bombenentfachte Feuersglut ihre Form änderten. Pendent dazu ist beispielsweise „Gebrochen Deutsch“ – das Riesenpuzzle aus zerbrochenen Ost-Berliner Straßenschildern, die Raffael Rheinsberg nach dem Mauerfall aus dem Müll gezogen hatte, weil sie der Norm westdeutscher Schilder nicht entsprochen hatten. Als kleines Experiment hat Anette Hüsch mit Billigung des Künstlers die Arbeit nicht am Boden ausbreiten lassen, wie eigentlich für Rheinsberg üblich, sondern hebt sie auf einen zwei Meter hohen Riesensockel, der im unteren Bereich als Galerie und Videobox dient, etwa für Asger Jorns expressive Plakatübermalung „Choux“ von 1961 oder Robert Jacobsens „Relief“ aus Malerei, Stoffen und alten Arbeitshandschuhen von 1976 sowie das Video „Incidents“ von Igor und Svetlana Kopystiansky, das im Zeitraffer den Zufalls-Müll vor ihrer New Yorker Ateliertür zeigt. Doch irgendwie will „Gebrochen Deutsch“ sich auf seinem Sockel nicht recht behaupten, wirkt verloren da oben und kann so lediglich besser von der höhergelegenen Galerie betrachtet werden. Das typisch Erdverbundene der rheinsberg’schen Bodenarbeiten kann so seine Wirkung nicht entfalten.

Vom Boden aufgelesen sind die winzigen Kugelobjekte des Frankfurters Karsten Bott, der sich speziell für diese Ausstellung in Kiel auf die Suche nach alten Kaugummis gemacht hatte, um sie nun wie kleine Edelsteine im Glaskasten zu präsentieren – eine schon jahrelang von ihm gepflegte Methode, auch das Museumsunwürdgste noch auf den Sockel zu heben. Dazu zählt eine Vitrine mit Hosentascheninhalten, jenen unbedeutenden Alltagsfunden, die Bott seit 1988 konsequent seiner umfangreichen Sammlung einverleibt. Hierzu passen auch die großen Tableaus mit scheinbar wissenschaftlich geordneten Verpackungen, Dosen, Flaschen oder alten Briefumschlägen des Künstlerduos Bruno Mouron und Pascal Rostain von 1996.

„Wertewandel“ nennt sich eine zusätzliche Abteilung der Ausstellung mit Papierarbeiten aus der grafischen Sammlung des Hauses. Der Titel entspricht der gleichnamigen noch unveröffentlichten Dissertation Jens Rönnaus über das Werk Raffael Rheinsbergs, der auch hier mit einer seiner frühen Arbeiten vertreten ist: „Gebrandmarkt“ – ein Geldschein der deutschen Inflation der 1920er Jahre, teilweise fortgebrannt durch ein seriell aufgesetztes Bügeleisen. Auch ein Kanaldeckel kommt auf Papier zu künstlerischen Weihen – in einer seriegrafischen Fotoarbeit von Timm Ulrichs der 1960er Jahre.

Katalog: Anette Hüsch (Hrsg.): From Trash to Treasure. Vom Wert des Wertlosen in der Kunst, Kerber Verlag, Bielefeld 2011, 216