Fragen zur Zeit , 2012

Michael Hübl

Nächster Halt: Mars

Kleine Ikonographie des Gehens und Auf-der-Stelle-Tretens

IDU“: Drei Buchstaben, die zum Freiheitsmantra wurden. Auf die gleiche Weise wie einst Alexander Rodtschenko proletarische Parolen in spitz zulaufenden Lettern auf Zukunftskurs gebracht hatte, schrieb 1975 der Maler Erik Bulatov in eines seiner mittlerweile wohl bekanntesten Bilder schlicht und einfach „Ich gehe“, russisch: „idu“. Der Künstler lässt seine Botschaft in einen intensivblauen Himmel hinein schießen, der durch Kumulus-Wolken dynamisiert wird. Aus heutiger Sicht wirken die reinweißen Lettern so unverbindlich wie die Vermutung, mit der in Deutschland der Barde Reinhard Mey just die Hitparaden stürmte, als Bulatov in der UdSSR das graphische Arsenal des revolutionären Konstruktivismus in eine Kombination aus Pop und Barock überführte. „Ich gehe“ hätte in Swerdlowsk 1, wo Bulatov 1933 geboren wurde, oder in Moskau, wo er während der Stalin-Ära aufwuchs, womöglich mancher gerne gesagt und getan. Dort wäre dann wahrscheinlich Meys Annahme, „über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ 2, als politisches Fanal verstanden worden, und auch Bulatovs Blick in die Erdatmosphäre dürfte als Signal zu realer Grenzüberschreitung gegolten haben – wenn denn der Künstler, der wirtschaftlich und sozial als Kinderbuchillustrator überwinterte, Gelegenheit gehabt hätte, sich mit seinen Malereien an ein größeres Publikum zu wenden.

So gesehen war Bulatovs „IDU“ die Übertragung des amerikanischen „Go West!“ in die Sprache derer, die sich innerlich oder durch offenes Dissidententum vom Sowjetsystem abgewandt hatten: ein Synonym für Freiheit. Gern gebraucht in einer Zeit, „als das Wünschen noch geholfen hat“ (auch das eine Formulierung aus den Mittsiebzigern des vorigen Jahrhunderts; 3….

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von Michael Hübl

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