Ausstellungen: Berlin · S. 375
Ausstellungen: Berlin , 1991

Marius Babias

Calculi

»Projektionen der 90er Jahre aus Berlin«

Neuer Berliner Kunstverein, 19.1. – 2.3.91

Kunst aus Berlin, zumal am Beginn des neuen Jahrzehnts, ist aus vielerlei Gründen kein selbstklebendes Etikett mehr. Am stärksten hat dies der Fall der Mauer symbolisiert, obwohl sich in den letzten zwei Jahren die Einsicht durchzusetzen begann, daß die geopolitische Situation der Stadt keine Kondition für hier produzierte Kunst sein kann. Die Ausstellung „Calculi“ trägt nun diese Einsicht vor, zum großen Teil jedenfalls. Insgesamt zehn in Berlin lebende und arbeitende Künstlerinnen und Künstler behaupten jeweils abgeschirmte ästhetische Territorien, die, räumlich bedingt, zueinanderstreben und, der medial und begrifflich nicht kompatiblen Schnittstellen wegen, sich zugleich ausgrenzen. Schnitt und Gegenschnitt zeigen das Strukturmoment der Inszenierung an.

Der Untertitel zu „Calculi“ lautet „Projektionen der 90er Jahre aus Berlin“, und er scheint der obigen Schilderung insofern zu widersprechen, als der Standort Berlin als eine Art qualitative Größe assoziiert ist. Tatsächlich thematisiert „Calculi“ auch den Restwert der Vorstellung, Kunst sei durch ihren Produktionsort substantiiert, und löst sich in der Absage an eine verbindliche Programmatik zugleich davon. „Die Projektionen der 90er Jahre aus Berlin“, nicht repräsentativ, entfalten ihre Wirkung übrigens in Räumen, die ehedem im Sisal-Look der 70er Jahre die Besucher abschreckten und nun zeitgerecht renoviert sind. Gewiß ein gutes Omen.

Vor dem Hintergrund der Dauerrivalität von Kunst und Leben und insbesondere des Golfkrieges, der unglücklicherweise mit dem Ausstellungsbeginn zusammenfiel, erreicht der Katalogbeitrag von Katharina Karrenberg eine schmerzhafte Bewußtseinshöhe. Die drei Tafeln zeigen links Saddam Hussein, rechts George Bush und in der Mitte ein auf den Kopf gestelltes…

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