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Titel: Res Publica - Plätze, Gärten, Monumente · von Aldo Rossi · S. 80 - 83
Titel: Res Publica - Plätze, Gärten, Monumente , 1985

ALDO ROSSI
Das Forum Romanum

Nachdem wir uns im Vorangehenden mit dem Begriff des Standortes beschäftigt und daran einige Überlegungen darüber angeknüpft haben, welche Bedeutung einzelne städtebauliche Faktoren für das Entstehen und das Wachstum einer Stadt haben, möchte ich jetzt noch einmal auf die Beziehung zwischen einem einzelnen Bauwerk und seinem Standort zurückkommen und anschließend die Bedeutung des Baudenkmals für die Stadt behandeln.

Das Forum Romanum1, das als Mittelpunkt des römischen Kaiserreiches Vorbildcharakter für den Bau und den Umbau zahlreicher antiker Städte hatte und alle »klassischen» Epochen der europäischen Architektur inspirierte, weicht in seiner Gestalt und Lage von den Vorstellungen der römischen Städtebautheorien ab. Seine Entstehung ist von geographischen und historischen Voraussetzungen bedingt. Es entstand in einem tiefgelegenen Sumpfgebiet zwischen steilen Hügeln. Starke Regenfälle verwandelten die Sümpfe in seiner Mitte mit ihrem Schilf und Weidengebüsch zu regelrechten Seen, während die umliegenden Hügel von Wald und Weideland bedeckt waren. Aeneas und die Seinen »…sahn rings weidende, brüllende Herden, wo das römische Forum nun ist und die stolzen Carinen.«2 Latiner und Sabiner siedelten sich deshalb auf dem Esquilin, dem Virinal und dem Quirinal an. Aber die Archäologen haben festgestellt, daß die Latiner schon im 8. vorchristlichen Jahrhundert von ihren Hügeln hinabstiegen, um ihre Toten auf dem späteren Forum zu bestatten. Daß sie für diese Nekropole, die Boni zwischen 1902 und 1905 zu Füßen des Tempels des Antonius und der Faustina entdeckte, gerade dieses und keines der anderen zahlreichen Täler der römischen Campagna wählten, mag ein Zufall gewesen sein. Jedenfalls wurde die Nekropole zunächst zu einer Kampf- und Kultstätte, aus der sich allmählich die Anfänge einer Stadt und einer neuen gemeinsamen Lebensform für die bisherigen Bewohner der Hügel entwickelte. Der Verlauf der Pfade und späteren Straßen – Via Sacra, Argiletus und Vicus Patricius – folgte wie die ursprünglich außerhalb der Stadt gelegenen Wege insofern der Formation des Geländes, als er Steigungen möglichst vermied. Diese starke Abhängigkeit von den topographischen Voraussetzungen kennzeichnet auch die weitere Entwicklung des Forums und unterscheidet es durch dieses Fehlen eines rationalen Bebauungsplanes von den Foren aller später gegründeten römischen Städte. Die Unregelmäßigkeit seiner Form wurde schon von Livius kritisiert, der sie auf den raschen Wiederaufbau nach der Brandschatzung durch die Gallier zurückführte. Sie entspricht aber der Art, wie alle Städte zu jener Zeit sich ausdehnten.

Im 4. Jahrhundert verlor das Forum seine Marktfunktion und wurde zu einem öffentlichen Platz im Sinne von Aristoteles, der schreibt: »Der öffentliche Platz … darf nie durch Markttreiben verschandelt werden, auch den Handwerkern soll der Zutritt zu ihm verwehrt werden… Der Marktplatz soll fern von ihm liegen und deutlich von ihm abgetrennt sein…«3 Die neue Nutzung des Forums brachte es mit sich, daß Basiliken, Tempel und die beiden großen Straßen, die Via Sacra und die Via Nova, in die zahlreiche Gassen einmündeten, allmählich die Wasserstellen, Kultstätten, Märkte und Schenken verdrängten, die jahrhundertelang charakteristisch für das Tal gewesen waren. Auch durch die späteren Baumaßnahmen zur Erweiterung des römischen Stadtzentrums unter Augustus, Trajan und Hadrian verlor das Forum bis zum Verfall des römischen Reiches seinen Charakter als Mittelpunkt und Inbegriff der Stadt Rom nicht. »Auf der Via Sacra und ihren Nebenstraßen entstanden immer mehr Luxusgeschäfte. Die Leute zogen neugierig an ihnen vorüber, ohne etwas Bestimmtes vorzuhaben, ohne etwas zu tun. Sie warteten lediglich darauf, daß das Theater begann oder die Thermen geöffnet wurden. Den Typus dieser Flanierer hat Horaz in seiner Satire »Ibam forte via Sacra« glänzend beschrieben. Was er hier schildert, vollzog sich tagtäglich tausendfach, wenn nicht ein tragisches Ereignis in den kaiserlichen Palästen oder im Prätorianerlager hin und wieder die Gleichgültigkeit der Römer erschütterte. Selbst das Forum wurde zur Kaiserzeit noch gelegentlich zum Schauplatz von Bluttaten, die aber auf dem Platz, auf dem sie sich ereigneten, kaum Spuren hinterließen. Auch das Leben in Rom wurde von ihnen kaum berührt. Ihre wirklichen Auswirkungen hatten sie andernorts.«4

Dieses Rom mit seinen müßigen Menschenmassen, die zum Stadtbild gehörten, ohne etwas von dem Stadtmechanismus zu verstehen, dessen Bestandteil sie waren, hatte große Ähnlichkeit mit einer modernen Stadt. Auch Poète drängte sich dieser Vergleich auf, wenn er von den antiken Städten schrieb: »Der Hauch einer modernen Stadt scheint von dieser fernen Welt zu uns zu dringen. Wir haben den Eindruck, daß wir uns in einer Stadt wie Alexandria oder Antiochia nicht allzu fremd gefühlt hätten, ja daß wir uns in manchen Augenblicken dem alten Rom näher als mancher mittelalterlichen Stadt fühlen.«5

Was den Müßiggänger an das Forum Romanum fesselt, seine innige Teilnahme an ihm, seine Identifikation, die er dadurch mit der Stadt vollzieht, gehört zu den Geheimnissen jeder echten Stadt. Das Forum Romanum als Keimzelle Roms, das sich immer wieder bis zur Unkenntlichkeit wandelte, jedoch seinen ursprünglichen Standort beibehielt, mit jedem Stein die römische Geschichte und Legende dokumentiert und in seinen herrlichsten Symbolen bis in unsere Zeit erhalten blieb, ist nur ein besonders einprägsames Beispiel für dieses Geheimnis. Mit der Gesamtheit seiner Baudenkmäler ist das Forum zugleich Teil und Inbegriff der Stadt Rom. Seine Individualität stellt mehr dar als die Summe seiner individuellen Baudenkmäler. Es ist Ausdruck einer bestimmten, nämlich der klassischen Vorstellung von der Formenwelt. Und doch ist seine Gestalt alter, existierte schon zuvor und existiert weiter in dem Tal, in dem sich einst die Hirten von den umliegenden Hügeln versammelten. Besser als durch sein Beispiel könnte ich nicht definieren, was ich unter einem städtebaulichen Phänomen verstehe, das Geschichte und Erfindung in sich vereint. Denn das Forum erteilt uns eine der nachdrücklichsten Lehren darüber, was Architektur ist.

Es ist dabei notwendig, hier zwischen dem Begriff des Standorts im Sinne des antiken »locus« und dem Begriff des Milieus zu unterscheiden, wie er im Zusammenhang mit Architektur und Stadtplanung zumeist gebraucht wird. Bei meinem Versuch, die Bedeutung des Standorts zu analysieren, habe ich mich bemüht, ein komplexes Phänomen so rational wie möglich zu definieren, und bin dabei so vorgegangen wie ein Naturwissenschaftler, der die komplexe Welt der Materie und ihrer Gesetze klären will. Über den psychologischen Wert dieser Analyse habe ich schon zuvor gesprochen.

Jedenfalls hat der Standort in dem von mir definierten Sinn keinerlei Berührungspunkte mit dem Begriff des Milieus, das den Begriffen der Illusion und des Illusorischen merkwürdig nahesteht. Redensarten wie »man hatte das Gefühl, ins Mittelalter versetzt zu sein« sind dafür bezeichnend. Diese Auffassung von Milieu hat nichts mit Architektur zu tun, sie versteht das Milieu vielmehr als eine Bühne und fordert infolgedessen die Erhaltung von dessen Funktionen, weil sie davon ausgeht, daß nur sie die Form erhalten. Statt dessen lahmen diese künstlich erhaltenen Funktionen das Leben und wirken so deprimierend wie alle Vortäuschungen vom Bestehen einer entschwundenen Welt, die nur den Zwecken des Fremdenverkehrs dienen. Nicht von ungefähr wird dieser Begriff des Milieus häufig von denen verwendet oder empfohlen, die glauben, sie könnten eine Altstadt dadurch erhalten, daß sie die alten Fassaden konservieren oder sich bei deren Wiederaufbau an die früheren Umrißlinien, Farben usw. halten. Das Ergebnis eines solchen Verfahrens ist, wenn es sich überhaupt durchführen läßt, eine leere, oft sogar abstoßende Bühne. Eines der widerwärtigsten Beispiele dafür ist der Wiederaufbau eines kleinen Teiles der Frankfurter Altstadt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, bei dem man sich unter Verwendung von pseudo-modernen oder altertümlichen Bauformen an die Abmessungen der gotischen Baukörper hielt. Von dem Eindruck oder der Illusion, die durch solche Baumaßnahmen entstehen sollten, ist in Wirklichkeit nichts zu spüren. Unter Baudenkmal kann man in einem weiteren Sinn aber auch eine Straße, ein Stadtviertel, ein Dorf verstehen. Wenn man es auf Konservierung abgesehen hat, muß man deren Gesamtheit erhalten, wie es die Deutschen in Quedlinburg getan haben. Auch wenn es einigermaßen bedrückend sein muß, in einer solchen Stadt zu leben, läßt sich dieses Verfahren dort insofern rechtfertigen, als dadurch ein eindrucksvolles Museum der Gotik und das heißt eines wichtigen Teiles der deutschen Geschichte entstand. Eine vergleichbare Erscheinung stellt Venedig dar. Indessen möchte ich mich hier nicht auf die detaillierte Untersuchung einlassen, die für Venedig wie für alle ähnlich gelagerten Fälle notwendig wäre, um zu schlüssigen Ergebnissen zu kommen, sondern möchte noch einmal auf das Forum Romanum zurückkommen.

Im Juli 1811 unterbreitete de Tournon dem französischen Innenminister, Comte de Montalivet, seine Vorstellungen für eine Instandsetzung des Forums: »Restaurierung der antiken Baudenkmäler. Wenn man auf dieses Thema zu sprechen kommt, denkt man zuallererst an das Forum, den berühmten Platz, auf dem sich derartige Baudenkmäler geradezu häufen und hoch-fliegende Erinnerungen hervorrufen. Die Restaurierung dieser Baudenkmäler besteht vor allem darin, daß man ihren unteren Teil aus der sie bedeckenden Erde ausgräbt, ihren Zusammenhang untereinander wiederherstellt und schließlich bequeme und angenehme Zugangswege zu ihnen anlegt… Der zweite Teil des Projekts sieht eine Verbindung zwischen den einzelnen Bauwerken durch eine abwechslungsreiche Promenade vor. Ein Plan dafür, auf den ich mich beziehen möchte, ist nach meinen Angaben und unter meiner Aufsicht gezeichnet worden… Schließlich darf ich noch darauf hinweisen, daß der Palatin, der mit den herrlichen Ruinen seiner Kaiserpaläste ein riesiges Museum darstellt, unbedingt in den anzulegenden Park einbezogen werden sollte. Denn dieser Park würde durch die Baudenkmäler, die er enthielte, und durch die Fülle seiner Erinnerungsstätten gewiß etwas in der Welt Einmaliges sein.«6Tournons Idee, die der Planung des Parks vermutlich einen großen Teil der Baudenkmäler geopfert und uns dadurch eines hervorragenden architektonischen Anschauungsmaterials beraubt hätte, wurde nicht verwirklicht. Aber seit die Archäologie Tournons Vorstellungen übernommen hat, ist die Einbeziehung der Foren in die moderne Stadt zu einem wichtigen städtebaulichen Problem geworden. Ihre Grundvoraussetzung ist nämlich, daß man sich bei der Erforschung des Forums nicht mehr auf die Untersuchung seiner einzelnen Baudenkmäler beschränkt, sondern das Forum als ein städtebauliches Ganzes, als konkreten Ausdruck des kontinuierlichen Fortbestehens der Stadt Rom behandelt. Bezeichnenderweise wurde diese Idee von der Republik Rom 1849 aufgenommen und weiterentwickelt. Denn auch diese Revolution fand eine unmittelbare Beziehung zur Antike und knüpfte damit an die Vorstellungen der Pariser Revolutionsarchitekten an. Doch erwies sich der Gedanke, die römischen Foren dem Publikum zu erschließen, als so lebendig und unabhängig von seinem politischen Kontext, daß auch die Restauration unter Pius IX. ihn nicht wieder fallenließ.

Wenn wir uns aus heutiger architektonischer Sicht erneut mit diesem Problem beschäftigen, so spricht vieles für die Vorschläge von Archäologen des letzten Jahrhunderts, die das Forum Romanum rekonstruieren, mit dem Forum Augusti und den trajanischen Märkten verbinden und den ganzen riesigen Komplex einer neuen Nutzung zuführen wollten. In unserem speziellen Zusammenhang wollen wir es indessen mit dem Hinweis darauf bewenden lassen, daß dieser gesamte Baukomplex mit seinem Denkmalscharakter heute ein Bestandteil der modernen Stadt ist, der als Inbegriff von Rom ein einzigartiges städtebauliches Phänomen darstellt.

Auch wenn – wie das in Zukunft durchaus geschehen könnte – der Markusplatz mit dem Dogenpalast als einzige Zeugnisse des alten Venedig in einer vollkommen gewandelten Stadt übrigblieben, würde uns ihr Anblick nicht weniger ergreifen, weil sie uns als bauliches Zentrum des alten Venedig immer noch unmittelbar an dessen Geschichte teilnehmen ließen. Eine Erfahrung dieser Art machte ich in den Nachkriegsjahren mit dem Kölner Dom inmitten der zerstörten Stadt. Nichts hätte für die Phantasie dieselbe Bedeutung haben können wie dieses von Ruinen umgebene beinahe unversehrte Bauwerk. Auch wenn der Wiederaufbau der Stadt ringsum in seiner Beliebigkeit und Häßlichkeit gewiß bedauerlich ist, so hat auch er dem Dom als Bauwerk ebensowenig anhaben können wie ihre schlechte Darbietung den Objekten vieler moderner Museen, auch wenn wir das eine wie das andere als irritierend empfinden. Dabei soll dieser Vergleich nur zwei Punkte hervorheben: daß nicht die Umgebung und ihre möglicherweise illusionistische Wirkung zum Verständnis eines Baudenkmals und seiner Bedeutung in einem städtebaulichen Zusammenhang beiträgt, sondern daß es gerade durch den Gegensatz zu anderen städtebaulichen Tatbeständen durch seine Einzigartigkeit einen Sinn innerhalb einer Stadtarchitektur erhält. Beispielhaft für diesen Sachverhalt erscheint mir die römische Stadtplanung des Papstes Sixtus V. Hier wurden die Basiliken zu Angelpunkten der Stadt, zu deren komplexer Struktur dann noch die Verbindungsstraßen zwischen den einzelnen Kirchen und die Wohngebiete innerhalb dieses Gesamtsystems hinzukamen. Bei Fontana heißt es über die Grundidee dieser Stadtplanung: »In der Absicht, denen den Zugang zu erleichtern, die aus Gründen der Frömmigkeit oder besonderer Gelübde die heiligsten Stätten Roms und insbesondere der sieben Kirchen zu besuchen pflegen, die wegen ihrer Ablässe und Reliquien so berühmt sind, hat Unser Herr vielerorts Straßen durchbrechen lassen, die so breit und gerade sind, daß jedermann von jedem beliebigen Punkt der Stadt aus zu Fuß, zu Pferd oder im Wagen beinahe geradewegs zu den berühmtesten Andachtsstätten gelangen kann.»7

Siegfried Giedion war vielleicht der erste, der die Bedeutung dieses Planes in neuerer Zeit wiedererkannt hat, wenn er schreibt: »Es war nicht nur ein papierener Plan. Sixtus V. hatte sozusagen Rom in seinen Knochen. Er selbst ging die Straßen entlang, die die Pilger begehen mußten, und kannte deswegen die Distanzen zwischen Punkten, und als er im März 1588 die neue Straße vom Colosseum zum Lateran eröffnete, ging er mit seinen Kardinalen zu Fuß den ganzen Weg zu dem im Bau stehenden Lateranpalast… Sixtus V. breitete seine Straßen organisch aus, wo immer die topographische Struktur Roms es möglich machte. Auch war er weise genug, um mit Umsicht alles, was möglich war, von dem Werk seiner Vorgänger miteinzubeziehen… Vor seinen eigenen Bauten, dem Lateran und Quirinal, und wo immer seine Straßen zusammenkamen, sorgte Sixtus V. für genügend freien Platz für eine spätere Entwicklung… Indem er den Platz um die antonische Säule säuberte und die Umrisse der Piazza Colonna vorzeichnete (1588), schuf er das heutige Zentrum der Stadt. Die Trajanssäule beim Colosseum mit der Erweiterung des sie umgebenden Platzes war ein Bindeglied zwischen der alten und der neuen Stadt. Wie ein Mann mit einer Wünschelrute verteilte Sixtus V. seine Obelisken auf Punkte, wo während der kommenden Jahrhunderte die schönsten Plätze entstanden. Von all seinen Unternehmen galt während mehr als einem Jahrhundert die Niederlegung, der Transport und die Wiederaufrichtung des Obelisken vor St. Peter (1585-1586) als das sensationellste… Der letzte der vier Obelisken, die Sixtus V. aufstellte, erhielt den schönsten Standplatz. Er steht am Nordende von Rom, am Schnittpunkt von drei Hauptstraßen (sowie der projektierten, aber nie ausgeführten Verlängerung der Strada Felice). Zwei Jahrhunderte später kristallisierte sich die Piazza del Popolo an dieser Stelle. Der einzige Obelisk, der eine ebenso dominierende Stellung erhielt, ist jener an der Place de la Concorde in Paris, 1836 aufgestellt.«8

Mit diesen Ausführungen über das städtebauliche Wirken Sixtus V. weist Giedion auf eine Reihe von Dingen hin, die für die Stadtplanung im allgemeinen von Wichtigkeit sind. Denn obwohl – oder vielleicht gerade weil – die Planung Sixtus V. revolutionär war, bezog sie bereits vorhandene Elemente der Stadt verständnisvoll ein und schuf damit eine Einheitlichkeit der Stadtarchitektur, wie sie Rom selbst in der Antike nicht gekannt hatte. Das neue Straßensystem war von zugleich praktischer und ideeller Bedeutung, und die Aufstellung der Obeliske schuf Kristallisationspunkte für eine spätere Bebauung. Dabei blieben die Gestalt der Baudenkmäler (auf die Umwandlung des Kolosseums in Spinnereiwerkstätten haben wir schon hingewiesen) und die topographische Gestalt in einem sich wandelnden System erhalten. Vergangenheit und Zukunft waren in diese Planung miteinbezogen. Daß ich dieses Beispiel der Vergangenheit entnehme, spielt dabei keine Rolle. Denn ich habe von vornherein betont, daß ich jede Stadt als Artefakt betrachte und dabei keinen Unterschied zwischen alten und neuen Städten mache. Im übrigen gibt es kaum Städte, die nur eine moderne und keine ältere Bausubstanz haben, und die wenigen, auf die das nicht zutrifft, können keinesfalls als typisch gelten, weil die Permanenz zu den wichtigsten Merkmalen der Stadt gehört.

Diese Kontinuität der Stadt 01 erweist sich aber nur dann als auf einem logischen Prinzip beruhend, wenn man davon ausgeht, daß ihre Keimzelle spätere Baudenkmäler im weitesten Sinn des Wortes sind. Diese Auffassung wurde von der Aufklärung geteilt, während sie von allen jenen abgelehnt wird, die den Fortschritt als zerstörerisch für eine Stadt ansehen. Beispielhaft dafür ist Fichtes Parteinahme für die gotische Stadt und ihren volkhaften Charakter, die im Kern bereits Spenglers reaktionäre Kritik an dem fatalen Charakter der Stadt enthält. Ohne näher auf diese Theorien und Anschauungen über die Stadt eingehen zu wollen, möchte ich doch darauf hinweisen, daß in diesen Konzeptionen das formale Element einer Stadt keine Rolle spielt und daß deren späteren Vertreter mehr oder minder bewußt dem aufklärerischen Gehalt der Planung feindlich gegenüberstehen.

Auch an den romantischen Sozialisten und ihren verschiedenartigen Versuchen mit sich selbst genügenden Städten und Phalanstères ist aus meiner Sicht der Stadt Kritik zu üben. Denn sie gehen davon aus, daß die moderne Gesellschaft weder sie transzendierende noch überhaupt gemeinsame, sie repräsentierende Werte zum Ausdruck bringen könne, und kommen von diesem Ausgangspunkt zu einer Reduktion der Stadt auf ihre rein funktionellen Nutzwerte. Ihre »moderne« Alternative zu den früheren Städten ist deshalb eine Stadt, die lediglich aus Wohngebieten und Dienstleistungsbetrieben besteht. Nach einer wirklich progressiven Auffassung stellen hingegen, weil es sich bei der Stadt um ein Kollektivphänomen handelt, gerade Bauwerke von ausgesprochen kollektivem Charakter ihre wichtigsten Bezugspunkte dar. Denn diese Bauwerke sind zwar ursprünglich der Anlaß zur Stadtgründung, werden aber durch ihre Schönheit, die sowohl auf den Gesetzen der Architektur als auf ihrer Bedeutung für die Gemeinschaft beruht, alsbald zu den wichtigsten Strukturelementen der Stadt.

(aus: Aldo Rossi: Architektur der Stadt, Padua 1966, Düsseldorf 1973)

Anmerkungen:
1) Castagnoli-Cechelli-Giovannoni-Zocca, Topografia e urbanistica di Roma, Bologna 1958; Léon Homo, Rome impériale et l’Urbanisme dans l’Antiquité, Paris 1951; Pietro Romanelli, II Foro Romano, Bologna 1959; J. Carcopino, La Vie quotidienne à Rome à l’Apogée de l’Empire, Paris 1939; besonders aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang eine Bemerkung von Ludovico Quaroni in »Una città eterna – quattro lezioni da 27 secoli«, in: Urbanistica, Turin o.J., S. 15: »Für uns ist am interessantesten, daß daspomoerium, der Anger innerhalb und außerhalb der Stadtmauer, auch die Grenze für die städtische Bebauung war, deren Fläche vor allem aus militärischen und Verwaltungsgründen möglichst klein gehalten wurde. Das konnte natürlich nicht verhindern, daß der ärmste Teil der Bevölkerung, der auch nur einen Teil der Bürgerrechte genoß, unerlaubtermaßen außerhalb des pomoerium Baracken baute. Diese continentia bildeten weite halb ländliche Vorstädte, die den heutigen bidonvilles am Stadtrand von Rom glichen.«
2) Vergil, Aeneis, Achter Gesang, Vers 390/391 in der Übersetzung von Johann Heinrich Voss
3) Zitiert bei André Chastel, a.a.O., S. 148
4) Pietro Romanelli, a.a.O.
5) Marcel Poète, a.a.O., S. 344
6) Castagnoli usw., a.a.O., S. 537
7) Domenico Fontana, a.a.O.
8) Siegried Giedion, Raum, Zeit, Architektur, Ravensburg 1965, S. 83-87